Kultur : Rückblick: Klassik

Carsten Niemann

Der Programmheftautor muss bei den Proben dabeigewesen sein. Er hatte Josef Haydns letzte, verschwenderisch instrumentierte Messe als "Musik zur Party" betitelt und es hätte keine bessere Unterstützung für diese These geben können als die Aufführung des Spätwerks durch den RIAS-Kammerchor und die Akademie für Alte Musik. Wie lachende Erben der adligen Spaßgesellschft des 18. Jahrhunderts konnten sich die Zuhörer im vollbesetzten Schauspielhaus fühlen, so laut und enthemmt wurde da im Namen des Herrn musiziert: ein Haydn-Spaß, ein Haydn-Lärm. Dirigent Marcus Creed sparte nicht an knallenden Sforzati, ließ den vollen Bläsersatz dröhnen und die Cellogruppe um den bewegungsfreudigen Jan Freiheit abhotten. Dabei litt die Präzision keineswegs. Denn bisweilen schlägt Haydn für kurze Zeit die dicke Klangdecke zurück: Auf einen Schlag musste im Benedictus der lupenreine Chorklang in den Vordergrund treten und in Sekundenschnelle mussten Oboen und Fagott im Agnus Dei offenbaren, wie sauber und genau sie ihre schnellen Figurationen spielen. Mehr noch als für die exquisite, leicht und mit koloraturfester Virtuosität singende Riege der Solisten war dieser Abend ein Fest für die Bläsergruppe. Besonders im zweiten Satz der Sinfonie Nummer 99 hatte diese einen von Komponist und Dirigent intelligent inszenierten, glänzenden Auftritt der Intonationsreinheit und delikaten Phrasierung. Ein Auftritt in einer Sinfonie, an der man nun ganz ohne Zweifel seine säkulare Freude haben durfte - selbst, als die Tanzschritte im Menuett mitunter recht derb auf das Parkett knallten und der Donner der dräuend und brachial gesetzten off-beat-Akzente die Fensterflügel des Ballsaales ungemütlich aufzusprengen drohte.

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