Kultur : Rückblick: Klassik

Carsten Niemann

Etwas lehrerhaft wirkt es schon, wie Leopold Hager seine Einsätze gibt. Wichtig fährt der ausgestreckte Zeigefinger nach oben, um dann auf einen Spieler niederzufahren: "Mozart, Haffner-Serenade, zweites Menuett! Wie haben wir die Phrasierung gelernt? Richtig. Und jetzt Du!" Aber Leopold Hager ist kein Oberstudienrat und die Musiker des Rundfunk Sinfonieorchesters Berlin sind auch mehr als brave Musterschüler. Sie haben nicht nur ihre Lektion recht sauber auswendig gelernt, sondern hätten auch etwas Eigenes dazu zu sagen, an diesem Abend im Schauspielhaus. Doch das ist wohl nicht immer das, was der wackere Orchestererzieher haben will. So kommt es wiederholt zu kleinen Kabbeleien um das Tempo, das der Klassenprimus vom ersten Geigenpult schneller haben will. Und als die Stimmführer im Menuetto galante ein auffallend frisches und beseeltes gemeinsames Solo vorlegen, da scheint es fast, als würden sie sich vor den Augen des Paukers Papierkügelchen zuwerfen. Ein gemeinsamen Outfit reicht eben nicht immer für den Klassengeist, der in Frank Martins sechs Monologen aus Hofmannsthals "Jedermann" übrigens deutlich besser war: Hier hatte sich einfach alles dem gelassen gestaltenden, großen Solisten Matthias Goerne unterzuordnen. So überzeugend und unaufdringlich wie dieser wussten Hager und das Orchester Hofmannsthals pseudomittelalterliche Glaubensmystik allerdings nicht schmackhaft zu machen. Es fehlte die letzte innere Versenkung in Martins psalmodierend schwingendes Melodiengespinst. Goerne gelang sie: ernsthaft, überlegt, aber mit der Würde eines Balladensängers. Was könnte die Kunst dieses Solisten besser beschreiben als die Tatsache, dass selbst die Atheisten durch ein unerwartetes Aufflackern stärkerer innerer Bewegung auf Wörtern wie "Vater", "heilig" und "Kreuz" jäh am Herzen gepackt wurden. Sehr viel mehr kann man von einem Konzertabend nicht erwarten.

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