Kultur : Rückblick: Kunst: Für die Ohren

Christian Schröder

Wer die Galerie Wohnmaschine betritt, die Augen schließt und seine Ohren ganz weit öffnet, braucht nur ein bisschen Phantasie, um sich vorzustellen, er stünde im Wald. Es ist ein Zirpen und Zwitschern, ein Schnarren und Säuseln, ein Rascheln und Rauschen, das durch den White Cube der Galerie hallt, sich an Decken und Wänden fängt, zurückgeworfen wird, verklingt und wieder von vorn beginnt. "steady" heißt die Soundinstallation von Robert Lippok, die Alltagsgeräusche in eine minimalistische Raumsinfonie verwandelt (Tucholskystr. 35, bis 11. August, Di-Sa 11-18 Uhr). Lippok, bekannt auch als Mitglied der Avantgarde-Elektro-Band To rococo rot, hat sein Mikrofon in die Natur gehalten, die Aufnahmen am Computer bearbeitet und auf CD gebrannt. Als Endlosloop läuft Lippoks Zufallsmusik nun in zwei Soundsystemen: Im vorderen Galerieraum erinnert ein Paar Braun-Boxen an die Wohnzimmergemütlichkeit der siebziger Jahre, im angrenzenden Durchgang sind zwei Lautsprecher in ein paravantartiges Gestell eingebaut, das schon selber eine Skulptur sein könnte. Auf einem Tisch steht ein Projektor, der eine Trickfilmsequenz durch eine Milchglasscheibe in die Tiefen des Raums wirft: Ein Zackenstern kreist torkelnd um die eigene Achse und verschwindet im Nichts. Klangkunst als Raumkunst betreibt Lippok, seitdem er 1989 in der damals gerade neu gegründeten Wohnmaschine ein Staubsaugergebläse an eine Resonanzkammer anschloss. Später montierte er Bohrmaschinen auf Plattenspieler. "steady" handelt von der Endlosigkeit des Klangs - und von der Macht, die er über unsere Phantasie hat. Wer sehen will, muss hören.

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