Kultur : Rückblick: Kunst: Mondschleife

Moritz Schuller

Die Kunstszene quillt über von schlechter Videokunst. "Jeder, der eine Kamera in der Hand hält, denkt, er wäre Künstler", hat der Bildhauer Tony Cragg verbittert gesagt. Für das Handwerk interessiere sich keiner. Kunsttechniken sind natürlich evolutionären Prozessen unterworfen. Doch kann man manchmal schon früh erkennen, wer schneller rennt als andere. Heike Baranowsky gehört dazu. Die Arbeiten der 35-Jährigen, zur Zeit in den Kunstwerken (Auguststraße 69, bis 18. November) ausgestellt, adeln das ganze Medium: faszinierend, tiefgründig und dabei auf einem technischen Niveau, unter das der seit Jahren fernsehende Betrachter nicht mehr sinken möchte. Ihre "Mondfahrt 2001" ist ein visuelles Gedicht, ganz lakonisch, ganz leicht. Auch "Parallax" (1999), ein Doppel-Loop, der zeitversetzt an einem Waldstück vorbeigleitet, nutzt die einzigartigen Möglichkeiten des Mediums: Was dabei entsteht, ist auch in der Tiefe noch scharf. Eine andere Schnellläuferin ist Mariele Neudecker, von der das Küstlerhaus Bethanien (Marianenplatz 2, bis 4. November) gerade mehrere Loops und Filmstills zeigt. Auch sie entfernt sich aus der technisierten Umgebung, die dem Medium so lange eingeschrieben schien: In "Another Day" (2000) zeigt sie einen Sonnenauf- und Untergang, ein großer Loop (mit Ton) zieht den Betracher in ein trostlos verwehtes Gebirgsmassiv. Auch hier wird Bewegung, der eigentliche Evolutionsvorteil der Videokunst, fein dosiert. Am Ende lebt das Bild weiter. Von Neudecker, die parallel in der Galerie Barbara Thumm (Dirksenstraße 41) ausgestellt wird, sind im Künstlerhaus auch Installationsarbeiten zu sehen, die - als mediale Umdrehung - wie akrylisierte Filmbilder wirken: Felsenlandschaften, Klippen und in "It Is A Good Thing To Lose Control Sometimes" (2000) ein in milchigem Wasser wabernder Wald. Good things, indeed.

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