Kultur : Rückblick Kunst

Moritz Schuller

Schon bald wird sich heraustellen, dass zwischen dem Ableben des Super-8-Films und dem Untergang der Familie ein kausaler Zusammenhang besteht. Die sorgfältig inszenierte Selbstdarstellung, zu der das teure Filmmaterial damals zwang, darf im Rückblick als das letzte gemeinsame Projekt der modernen Familie gelten. Video, und noch asozialer, das digitale Familienbild, sind so billig und leicht zu bedienen, dass damit jedes traditionelle Rollenverhalten ausgehebelt wird: Eine solche Bildproduktion entlässt die Familie endgültig aus der Disziplin. Familienbild in der Kreuzberger NGBK ist eine ausgezeichnete Ausstellung über eine Zeit, als man Fotoalben betrachtete, um sich zu erinnern, wer man einmal war (bis 25.11, tgl. 12-18 Uhr 30). Der Versuch, Kategorien für das empirische Familienbild zu entwickeln, gelingt als bitter schöner Witz: "Arm um Frau", "Kaffeekanne", oder "Grabstein" zeigen, dass wir so waren wie alle anderen auch. Wiebke Loepers Bilder weisen in eine ähnliche Richtung, Ralph Eugene Meatyards setzt den Menschen gar die selben Fratzen-Masken auf, a family of horrors. Die Kurzvideos in der Ausstellung bilden die Familien gar nicht erst ab, sie dokumentieren deren Verfall. In Eva von Platens "Hasi" erweist sich die deutsche Kleinfamilie sogar im Hasenkostüm als dysfunktional, Ingo Taubhorns backende Damen sind statistisch die Familie der Zukunft: vier Rentnerinnen. Heile Welt, im Video nur einmal: Corinna Schnitt lässt Vater, Mutter und Tochter in der Kleinstadt Straßenschilder waschen - ein vermeintlicher Blick in das Innenleben einer superglücklichen Familie. War früher womöglich für das Glück das Filmmaterial zu teuer?

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