Kultur : Rückblick: Mísia (Folklore)

Roman Rhode

Zwar hat sich Mísia den Namen einer Pariser Muse und den Look einer Coupletise aus den Zwanzigern zugelegt. Doch bei ihrem Auftritt in der Philharmonie verkörpert die Sängerin auch die Ikonografie des Fado. Barfuß steht sie im Lichtkegel, der ein blütenweißes Kleid erstrahlen lässt. Andererseits neigen ihre dunklen Haare und ein schwarzer Umhang Richtung Schwermut. "Ich bin ein dunkles Tuch, in der Farbe des Mondes", singt Mísia. Das ist das Chiaroscuro portugiesischer Saudade: Frohlocken im Jammer, Verzweifeln im Glück. Dazu das Rot auf den Lippen, das inmitten des blassen Teints ein Feuer der Leidenschaft entfacht: Mísias kraftvoller Gesang, mal ein raues Vibrato, mal ein samtweiches Hauchen, weht wie der Druck atlantischer Windböen durch den Raum, die die Vergänglichkeit der Liebe oder liebreizender Verszeilen beklagen. Und die im Halbschatten sitzende Band an drei Gitarren verwandelt die Gischt einer seufzenden See in wundervoll ziselierte Silbertropfen. Mísia hat dem Fado ein streng klassizistisches Gewand verpasst. Sie verzichtet auf Elektronik und lässt sich außer von traditionellen Zupfinstrumenten höchstens noch von Piano, Viola oder Akkordeon begleiten. Trotzdem begreift Mísia sich als Erneuerin der Gattung. Amália Rodrigues, der verstorbenen großen Dame des Fado, zollt sie Tribut allein durch tief gefühlte Sehnsucht. Dadurch erreicht Mísia hohe Intensität und eigenes Charisma. Das deutsch-portugiesische Publikum in der Philharmonie weiß das zu schätzen. Liegt darin das Glück auf der Bühne? Mísia lächelt in den Applaus hinein: "Für Portugiesen ist es nicht leicht, einfach happy zu sein."

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