Kultur : Rückblick: Musiktheater: Erweckung

Felix Losert

Die Neue Opernbühne Berlin hat etwas Erstaunliches vollbracht: Sie hat den Mann aus Lehm des legendären Rabbi Löw zum Leben erweckt, der seit vierhundert Jahren tot auf dem Speicher einer Prager Synagoge vermutet wird. Der Furcht und Mitleid erregende Golem ist Protagonist einer Oper des Engländers John Casken und geht in einer Inszenierung Alexander Paeffgens für zwei Stunden in der Probebühne Cuvrystraße um. Des Golems Wiedererwecker führen hier kein Grusical auf, sondern eine Parabel über die Hoffnung, das Schicksal durch eine Erlöserfigur zum Besseren zu wenden (weitere Aufführungen: 6., 7., 9 - 11. November). Während Benita Roths Ambiente mit archaisierenden, vieldeutigen Requisiten Freiraum für Assoziationen lässt, gestaltet Paeffgen die Szenen aus dem ins Unheil führenden Weg des künstlichen Menschen im Einvernehmen mit der äußerst farbigen, virtuosen Musik Caskens. Expressivität und gestischer Nachdruck sind seine Mittel - zuweilen geht das bis zu zeichentrickfilmartiger Verdoppelung von Inszenierung und Musik. Da ist es keine geringe Leistung, wie Andreas Schüller das präzise Zusammenspiel zwischen dem brillanten, elfköpfigen Orchester und den im ganzen Saal mit vollem Einsatz agierenden Sängern sorgt. Dass die Neue Opernbühne dem Lehm-Mann Odem einhauchen kann, ist übrigens noch aus einem anderen Grund erstaunlich: Da sie zur Zeit ohne staatliche Zuschüsse arbeiten muss, bedurfte es einigen Muts, mit einer deutschen Erstaufführung auf die Bühne zu treten. Der Mut hat sich gelohnt.

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