Kultur : Rückblick: Neue Musik: Hingefetzt

Felix Losert

Dass es beim ersten großen "Sinfoniekonzert" des UltraSchall-Festivals keine klassische Sinfonie geben würde, war klar. Was aber machen die drei Komponisten, deren Werke der engagierte, junge Dirigent Fabrice Bollon mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester im Konzerthaus vorstellt, mit dem hass-geliebten "Sinfonieorchester" des 19. Jahrhunderts? Die Berlinerin Isabel Mundry lässt in "Flugsand" von 1998 ihrem Publikum Orchesterklänge von allen Seiten entgegenrauschen. Vom Solo, über alle erdenklichen Kombinationen bis zum stabilen Tutti lösen die Klänge, die die Musiker auch seitlich und hinter dem Parkett aussenden, sich wie chemische Reaktionen gegenseitig aus. Ähnlich Mundry entwickelt auch der Franzose Fabien Lévy, zurzeit in Berlin mit einem Stipendium, in Hérédo-Ribotes seine Musik aus der Erkundung des Einzeltons. Barbara Maurers kommt die Verantwortung zu, auf der Viola immer neue Klanggesten zu modellieren und sie dann ans Orchester weiterzureichen. Das älteste Werk des Abends, Helmut Lachenmanns Klangschatten - "Mein Saitenspiel" - ist das avantgardistischste. Oder etwa nicht? Lachenmanns Publikums-Dienst-Verweigerung wirkt nach 30 Jahren doch ein wenig angestaubt. Dank seiner Klangfantasie haben sich seine perkussiven Pizzicati und seine Klavier-Tutti-Schüsse in die Stille von einer antibürgerlichen "Nicht-Musik" in eminent musikalische Schönheit gewandelt. Zum Besonderen solcher Konzerte gehört übrigens, dass sie trotz ausverkauftem Saal fast ohne husten-intensive Publikumsbeteiligung auskommen - und nicht nur aus Respekt vor den drei anwesenden Komponisten, sondern weil man bei Musik wie der von Levy, Mundry und Lachenmann jede Sekunde als kostbaren Augenblick erfährt.

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