Kultur : Rückblick: Pop: Lustgitarre

Oliver Heilwagen

Ein Hauch von Woodstock an der Spree: Zum ersten Konzert von Manu Chao in Deutschland war die Friedrichshainer Ex-Hausbesetzerszene fast vollständig erschienen. Rund 8000 buntgescheckte Besucher ließen das Ereignis zu einem Happening werden, wie es die Arena wohl noch nicht erlebt hat. Sie lagerten im Vorhof der Riesenhalle, sprachen eifrig dem vom polyglotten Weltenbummler besungenen Genussmittel zu, scherten sich wenig um Aushänge mit der Aufschrift "Smoking yes - Dealing no" und verbreiteten für einen Abend jenes friedvoll-entspannte Lebensgefühl, das den Enkeln von Rudi Dutschke und Bob Marley als konkrete Utopie vorschweben mag. Geboten wurde ihnen allerdings nicht der Soundtrack zum Globalisierungsprotest, sondern alternativer Fußballstadion-Rock: Zwei Stunden lang drosch Manus Begleitband Radio Bemba nicht Chao, sondern Mano Negra herunter. Mit dieser Folkpunk-Combo hatte der Exilspanier in Paris Mitte der achtziger Jahre seine ersten Erfolge gefeiert. Songs, die damals den Charme von Drei-Akkorde-Geniestreichen hatten, wirken aber wie eine akustische Tracht Prügel, wenn man sie durch 100 000-Watt-Verstärker jagt. Zu diesem Stakkato hätten sich auch Ska-liebende Skinheads austoben können. Die Feinheiten von Chaos liebevoll arrangierten Studio-Tüfteleien gingen in dem knüppelharten wall of sound völlig unter. Und das von Mitternacht bis zwei Uhr morgens: Wer seit sieben Uhr ausgeharrt und zwei Vorgruppen ertragen hatte, verließ vorzeitig und ausgelaugt den schweißgebadeten Saal. Zumal Kiffen der Kondition eher abträglich ist.

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