Kultur : Rückblick: Pop

Volker Lüke

Als erstes empfängt einen die sanfte Woge alles durchdringender Künstlichkeit, süß wie Himbeersirup. Das klebt. Der perfekte Soundtrack für einen verschwendeten Tag in einer gläsernen Badewanne. Aber es ist auch Spätnacht-Barmusik, trunken und verfremdet in ihrer leichten Wegwerf-Stimmung, geisterhaft unkörperlich, ohne Sorge für die Zukunft, in synthetischem Glanz erstrahlender Bombast. Dahinter das große Nichts. Auf der Bühne im knüppelvollen Maria steht Alison Goldfrapp, die mit blonder Lockenperücke und Federboa nicht nur an Hanna Schygulla in der Rolle einer Nachtclubtänzerin erinnert, sondern auch so leicht ätherisch weggetreten singt wie diese. In alle Richtungen räkelnde Langeweile. Endlos herumstehende Synthie-Akkorde im sämigen Mellotron-Sound. Ausgedacht und zusammengebosselt von Will Gregory, der sich zur Verstärkung drei Leute an Schlagzeug, Keyboard und Violine mitgebracht hat, um für seine Partnerin eine sinfonisch angelegte Breitwand-Kulisse zu bauen: Morricone, John Barry, Schubert, viel Moll, aber auch ein bischen Latin-Rhythmik. Meistens aber lässt sich nicht genau bestimmen, was da passiert, wenn die kühle Blondine über die zuckrigen Streicherpassagen den Blues wie einen Kaugummi langzieht - der reinste Märchenoperetten-Kitsch, 1 : 1 abgebildet im Verschneite-Berge-Postkarten-Design ihres Debüt-Albums "Melt Fountain". Fehlt nur noch das filmische Äquivalent, das eine Mischung aus Faßbinder, David Lynch und Luis Trenker wäre. Und was für Luis Trenker die Berge waren, das ist für Goldfrapp der Popsong und ihre selbstgebaute Süßklangmaschiene. Sie bekommt eine Schmierigkeit hin, für die Rosenstolz ihre gesammelten Marianne Rosenberg-Videos weggeben müssten.

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