Kultur : Rückblick: Punkrock: Höllenfahrt

Philipp Lichterbeck

Ein Brandtson-Konzert ist wie eine Ratestunde. Man rätselt die ganze Zeit über, wo man diesen oder jenen Song schon mal gehört hat. Wer als erster herausfindet, bei wem Brandtson geklaut haben, gewinnt. Das ist im Grunde nicht schwer, denn mögliche Antworten rekrutieren sich aus allen Bands der Sparte: Wir-sind-schnell-und-laut-und-wir-kicken-your-ass! Brandtson, vier sympathische Jungs aus Cleveland in Ohio, hören sich also an wie jede dritte College-Band in den USA. Das ist allerdings immer noch spaßiger und professioneller als alle deutschen Punk-Rock-Bands zusammen. Und es tut erst recht gut in Zeiten, wo jedes Schuhgeschäft sich zur Elektro-Lounge geriert. Vor allem junge Menschen unter 20 wissen nach dem langjährigen Diktat des Techno diese im Gestus rebellische Mucke wieder zu schätzen. Sie drängeln sich im Privatclub, bis Schweiß von der Decke tropft. Man trägt Ché-Guevara- und Kiss-T-Shirts, ist natürlich gepierct und tätowiert. Zwei Mädchen rasten vor dem Mikrofonständer von Gitarrist Myk Porter völlig aus. Im Unterschied zu den Polit-Punkern etwa von "Bad Religion" geht es bei Brandtson immer um gebrochene Herzen und Lebensangst. In diesem Sinne ist die Band eine typische Vertreterin des Trend melodischer Post-Hardcore. Die gleiche Musik wie vor zwölf Jahren, aber weniger Kampf und mehr Introspektion. Dazu sehen die vier noch verdammt gut aus und würden eine perfekte alternative Boygroup abgeben. Von Brandtson werden wir in Zukunft wohl noch öfter in der "Bravo" lesen.

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