Kultur : Rückblick: Rock: Entfesselung

Volker Lüke

Eine Woche nach dem Auftritt von Melt Banana knüppelt im Bastard schon wieder eine vom Wahnsinn getriebene japanische Hochleistungstruppe auf das Publikum ein. Die Ruins sind schon etwas länger dabei und brauchen für ihren Kamikaze-Sound nur Bass und Schlagzeug. 1985 von dem Ausnahme-Trommler Tatsuya Yoshida gegründet, der mit Hisashi Sasaki bereits den vierten Bassisten austestet. Wobei sich beide ein erstaunliches Wissen über Musik angeeignet haben, das ihnen die Möglichkeit gibt einerseits traditionelle Spielweisen der Jazzmusik auf das Energielevel von Hardcorepunk zu bringen und andererseits diesen Aufruhr mit technisch anspruchsvollen Breaks zu entprimitivisieren. Einige Stücke dauern weniger als eine Minute, und auf ihrem aktuellen Album "Palaschtom" gibt es ein Medley, in dem sie gleich 26 bekannte Themen aus der klassischen Musik in 1 Minute und 15 Sekunden abfackeln. Die beiden schrauben sich auf der Bühne durch allerschwierigste Tempi-, Stil- und Haltungswechsel und grienen derweil ins Publikum, als absolviere man die einfachsten Fingerübungen. Trommelbeat und Bassgrummeln vermischen sich dabei mit ihren abgedrehten Fantasy-Vocals zu einer aberwitzigen Stop-and-Go-Stampede, deren Komplexität gleichzeitig an das Frühwerk von Zappa, Death-Metal und Free-Jazz erinnert. Oder an ein perverses Jazzrock-Experiment von Metallica. In der Zugabe bringen sie sogar noch das Riff von Creams Ewigkeitsnummer "Sunshine of Your Love" unter, bevor es weitergeht: Krck-i-BLahhhh!-ping--Ho...-Pft!-AARRGHHH!-i-... Bäng Bäng!. Wir tippen an unsere Kopfverbände und verneigen uns.

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