Kultur : Rückblick: Rock: Festgefressen

Volker Lüke

Die Schockwellen sind kaum abgeklungen, da schwappt aus New York bedrohlicher Metropolensound der übelsten Sorte zu uns herüber. Schließlich ist die Stadt für ihre als Musik getarnte Terrorprodukte bestens bekannt. Ein führender Vertreter ist in dieser Hinsicht auch Jim G. Thirlwell a.k.a. Foetus, der seine Musik seit vielen Jahren in die Welt schleudert wie einen brennenden Benzinlappen. Für seinen Auftritt im Knaack-Club hat der selbstdarstellungserfahrene Klangterrorist eine flotte Abräumtruppe um sich geschart, mit Vinny Signorelli (Swans/Unsane) am Schlagzeug, der zusammen mit Jeff Davidson (Mos Def) am Bass das rhythmische Gerüst schafft für die schräg gesetzten Attacken von Chris Haskett (Henry-Rollins-Band). Bleibt noch der für die Spezialeffekte zuständige Paul Bonomo, der fiesen Industrielärm oder fette Bläsersätze aus dem Sampler drückt, während der "Master of Disaster" mit Free-Jazz-Hemd und Sonnenbrille durch die grauenhaften Landschaften seiner eigenen Imagination irrt. Seine coolen Gesten, das Augenrollen und seine melodiös malmende Stimme, die man nur mit verzerrten Zügen herstellen kann, wirken ähnlich deplatziert wie der symphonische Gestaltungswille in der Musik, hinter der spätestens nach dem zweiten Stück das konventionelle Material hervortritt. Und doch bleibt er aufrecht wie ein monströses Fossil, an dem alle Einwände abprallen, während der Rest der Band ungerührt weitermacht, mit bulligen Rückkopplungen, vom Wahnsinn gezeichneten Samples und der Vitalität eines Amokläufers. Das gefällt dem Düster-Publikum. Man trägt überwiegend schwarz, jede Menge Tattoos und ist an vielen Stellen mit Ringen durchbohrt: nur Stämme überleben.

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