Kultur : Rückblick: Sandra Weckert (Jazz)

Johannes Völz

Einfach Jazz spielen, das reicht nicht mehr. Man muss schon eine Anekdote zum eigenen Mythos aufpäppeln, sich einer Bewegung anschließen. So gesehen steht der Berliner Altsaxofonistin Sandra Weckert eine rosige Zukunft bevor. Goldwert ist es, dass sie an den Berliner Musikhochschulen viermal durch die Aufnahmeprüfung fällt, obwohl sie zur gleichen Zeit zweimal das bundesweite Nachwuchsfestival für Jazz in Leipzig gewinnt: Nun kann sie sich auf das authentische "Straßen-Konservatorium" berufen und dabei noch Max Roach zitieren. Günstig auch, dass sie sich mit ihrer gegenwärtigen Formation eng an die Avantgarde-Szene anschmiegt, so eng, dass die Bands miteinander verschmelzen. Im Jazzkeller Treptow gehören zu Weckerts Sextett sowohl der Bassklarinettist Rudi Mahall vom Roten Bereich wie auch der Tenorsaxofonist Daniel Erdmann, Kopf der Gruppe Erdmann 2000. Dass diese Musik noch heute die Akademien erregt, mag man allerdings kaum glauben: Sandra Weckerts gemäßigter Free Jazz krempelt die Jazzgeschichte nicht um, sondern zeigt mit aller Deutlichkeit auf ihre Vorbilder: Auf die "Blue Note"-Platten von Andrew Hill und Eric Dolphy aus den sechziger Jahren beispielsweise. Einige wunderbare Kompositionen sind der Saxofonistin gelungen, ausharmonisierte Linien in kräftigen Farben, die die drei Bläser immer dann zum Leuchten bringen, wenn sie die Bandbreite des Timbres und der Dynamik ausreizen. Sandra Weckert ist zwar keine Virtuosin, hat aber trotzdem einen sehr eigenen Stil mit einem kräftigen, schnörkellosen Ton herausgearbeitet. Doch warum diese Titel? "Ab 16.00 Uhr Räucheraal 100G 4,80 oder wie man in Gristow massiert wird" heißt ein Stück. So einfach lässt sich der Kultstatus dann doch nicht erzwingen.

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