Kultur : Rückblick: Sternenklang

Roman Rhode

Sein aktuelles Album "Astrakan Café" ist im österreichischen St. Gerold-Kloster aufgenommen worden, nun sitzt er wieder vor einem christlichen Altar: In der Passionskirche zeigt der tunesische Oud-Virtuose Anouar Brahem, dass er auch ohne Jazz-Prominenz auskommt. Statt von Jan Garbarek, Dave Holland oder John Surman wird Brahem diesmal von einem Landsmann, dem Perkussionisten Lassad Hosni, sowie dem türkischen Klarinettisten Barbaros Erköse flankiert. Dieses Trio ist so wunderbar aufeinander eingestimmt, dass die Musiker kein einziges Notenblatt benötigen, sondern sich nur in die Augen zu sehen brauchen, um den jeweils anderen herauszufordern. Brahem gibt auf der Kurzhalslaute die Melodien vor, ein komplexes Spiel aus tausenduneiner Möglichkeit, Erköse fällt mit seiner Klarinette ein, und Hosni, der eine Rahmentrommel zwischen den Schienbeinen und eine Darabuka auf den Oberschenkeln bearbeitet, legt einen fein gewobenen Rhythmusteppich aus. Dabei entstehen Klangbilder, die wie eine Fata Morgana am Scheidepunkt zwischen Maghreb und Mashreq wirken. Sie verzaubern vor allem deshalb, weil sie, fernab nostalgischer Orientalismen, einzig den Konturen von Inspiration und Improvisation verhaftet sind. Brahem, der seine spielerische Fantasie bis zur Avantgarde ausgereizt hat, erweist sich als einer der aufregendsten Musiker der arabischen Welt. Von solcher feinsinnigen Lyrik, die arabische Kunstmusik und jazzige Improvisation bis in die Sterne ausleuchtet, kann man im Abendland derzeit nur träumen.

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