Kultur : Rückblick: Stirnglatze (Comedy)

Roman Deininger

Ein paar Erinnerungsschnipsel an die gute alte Zeit flattern per Videowand in den Saal. Ein Spargeltarzan turnt durchs Fitnessstudio. Der deutsche Comedy-Boom war noch jung und Hans Werner Olm wirklich lustig. Sechs Wochen lang ausverkauft in den Wühlmäusen, 1994 hat er das geschafft. Bei seinem neuem Programm "Ich weiß!" laufen dem Wahlberliner dort einige Leute schon während der Vorstellung davon, und übel nehmen kann man ihnen das nicht. Nun ist es keineswegs so, dass Olm alles verlernt hätte. Er beherrscht die Bühne, er kann spielen - nichts besser als den schmierigen Spießer übrigens -, singen kann er auch, und die Figuren, die ihn bekannt gemacht haben, sind immer noch dabei: der ewige Macho Paul Schrader etwa, das Paradebeispiel für seinen derben, sexistischen Witz. Aber die frischen Ideen, die sind ihm ausgegangen. Und wenn er mal eine gute Pointe hat, ist er nicht mit einem großen Lacher zufrieden, sondern zerpflückt sie, bis nichts mehr übrig bleibt. Es gibt einen Moment an diesem Abend, der schön illustriert, wie Olm am eigenen Anspruch scheitert. Da zieht er den Brief einer enttäuschten Zuschauerin aus der Tasche, die seinen Reisebericht aus Afghanistan ("Wie heißt Bin Ladens schwuler Bruder?") geschmacklos fand. Das will er nicht auf sich sitzen lassen, wird richtig ernst. "Wer Satire macht", verkündet er feierlich, "verletzt Grenzen." Grundsätzlich hat er da schon recht, aber er sollte dann halt auch beim Grenzenverletzen das Satiremachen nicht völlig vergessen. Bei den Wühlmäusen hat eine Handvoll Zuschauer Olms Aufreihung zotiger Ossi-Klischees zu Grönemeyer-Melodien tatsächlich komisch gefunden; der Rest hat schweigend ertragen. Ein Distel-Publikum, daran glauben wir ganz fest, hätte ihn einfach von der Bühne gejagt

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