Kultur : Rückblick: Stoppelbart (Operette)

Carsten Niemann

Niemand hat uns intellektuelle Musikfreunde je ermutigt, das "Dreimäderlhaus" schätzenswert zu finden. "Nichts kennzeichnet den geistig-seelischen Tiefstand des heute für die Füllung der Theaterkassen in Betracht kommenden Publikums mehr als sein gieriges Einschlucken des Operettenschleims von heute", schrieb ein Kritiker 1926. Heute kennt die jüngere Generation Franz Bertés Operette von 1916 nur noch dem Namen nach - als einsamen Höhepunkt schamloser Klassiker-Verkitschung. Im Musikclub des Konzerthauses am Gendarmenmarkt erhob sich noch einmal der moralische Zeigefinger: "Schubert - vereinnahmt" warnte der Untertitel von Heike Hanefelds musiktheatralischem Essay über die Schwammerl-Schmonzette. Doch wenn der Abend irgend etwas bewies, dann dies: Verbotene Früchte sind ja so süß! Die Veranstaltung hob bleiern an: Ein stoppelbärtiger Schubert (Christian Steyer) rief mit Verbitterung Worte aus der "Winterreise" in den Raum, zitierte griesgrämig aus seinen Briefen. Eine Riege junger Sänger (Hubert Schmid, Mojca Erdmann, Christian Grygas), ebenfalls im Schubert-Dress, trug dazu Lieder vor, als befände man sich beim Vortragsabend Meisterklasse Gesang. Dann aber gingen sie dazu über, mit unverhohlenem Spaß Szenen aus dem corpus delicti zu spielen. Jäh schwand der Mehltau, so abgefahren wirkte die Arie des inspirierten Komponisten ("Holde Fantasie, du versiegst mir nie"), so grottig-grotesk kamen die Filmausschnitte aus dem Stummfilm "Schuberts letzte Liebe" daher und so boulevardesk sicher funktionierte die Situationskomik der Szenen. Nein: Uns kann dieser gut gemachte,ehrliche Kitsch nicht den Geschmack verderben (wieder 2.3., 23.3., 26.4. und 27. 4.).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben