Kultur : Rückblick: Talkshow: Nach Frohnau

Ruth Ciesinger

Jeder Mensch kann für fünfzehn Minuten ein Star sein. Oder so ähnlich. Phil Tornau aus Berlin-Frohnau ist es eine halbe Stunde lang, denn Phil Tornau trifft Mathias Wedel. Im Neuss Deutschland (am Rosa-Luxemburgplatz, neben der PDS-Zentrale) sitzen sich Normalo Tornau und Kabarettist Wedel auf zwei Holzstühlen gegenüber, die Stimmen verstärkt durch eine marode Mikrofonanlage, damit keiner der 17 Zuschauer ein Wort verpasst. Es entsteht folgender Dialog: "Herr Tornau, was sahen sie, als sie zum ersten Mal die Augen öffneten?" - "Ich sah Täuschung, Idylle und Psycho." "Herr Tornau, sie sahen eine Tapete." - "Eine Tapete und eine Frau." "Herr Tornau, eine Endlos-Tapete mit einer nackten Frau!" - "Ich sah eine lindgrüne Endlos-Tapete mit einer nackten Frau darauf, die mit ihrem linken Fuß die jeweils darüber liegende Scham verdeckte." "Herr Tornau, veranschaulichen sie das." Dann halten sich Kabarettist Wedel und Herr Tornau an den Schultern, heben das linke Bein und mimen eine Tapete. Applaus. Der Erfurter Mathias Wedel führt den Promi-Kult um Verona Feldbusch und Ariane Sommer dadurch ad absurdum, dass er ganz normale Menschen interviewt wie Alfred Biolek eine Petra Gerster. Wedel will "sehen, wann das Banale banal ist, und wann es interessant wird". Das wäre spannend, ließe er seinem Gegenüber Raum zum Erzählen. Aber Wedel drängt sich immer wieder durch überfallartige Pseudo-Fragen in den Vordergrund. Obwohl Phil Tornau tapfer seine Geschichte weitererzählt, erinnert das Gespräch fatal an eine nach Effekten haschende Talk-Show. Aber Wedel hat Zeit. Ein Jahr lang will er sein "Experiment" fortführen und sich alle zwei Wochen von einem neuen, fremden Menschen treffen lassen.

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