Kultur : Rückblick: Tanz: Biometrie

Sandra Luzina

Zu Beginn der Vorstellung werden Wählerscheine ausgehändigt: die Zuschauer werden aufgefordert, ihren Lieblingskörperteil und ihre Lieblingsbewegung anzukreuzen. Der Finne Tomi Paasonen, früher Tänzer bei John Neumeier, auf der Suche nach der demokratischen Bewegung. Bei den Tanztagen in den Sophiensälen hat sich der Neu-Berliner mit einem Doppelprogramm vorgestellt. In "MegaHz" versucht sich die Gruppe "Kunst-Stoff" aus San Francisco an der Formulierung einer Zukunftsvision, die weniger erschreckend als belustigend ausfiel. Der programmierbare Mensch wird heraufbeschworen, doch wenn sich die Tänzer in hautfarbenen Ganzkörper-Strumpfhosen über die Bühne bewegen, denkt man weniger an techno-genetische Körpermodelle, als an eine Ballettparodie. Die Tänzer-Androiden schwanken zwischen Automatisierung und einem Aufkommen von Restbedürfnissen. Was die Lust-Replikanten mit Beate-Uhse-Puppen anstellen, kommt einem bekannt vor. In "Para Neu" wird viel Folie eingesetzt. Die Darsteller, die sich aus kleinen Aluminiumhügeln herausschälen, scheinen nur aus zahlreichen Schichten von Hüllen und Kunststoffhäuten zu bestehen. Über die neuen Sicherheitsvorkehrungen will Paasonen reflektieren. Etwa, wenn die Instruktionen von Flugbegleitern verlesen werden. Die Folien-Versiegelung der Körper wird rissig, Mann und Frau attackieren sich, als müsse gewaltsam ein Berührungsverbot überwunden werden. Am Ende reißen sich die Tänzer in wilder Wut ihre Kunststoff-Hüllen vom LeibNackt und ungeschützt verfallen sie in ein heftiges Zittern und Zucken. Gleichzeitig sind die Gesichter von Zuschauern zu sehen, die biometrisch vermessen weden. Das Publikum bei alten Ängsten zu packen, gelingt Tomi Paasonen freilich nicht. Er betätigt sich vornehmlich als Verpackungskünstler.

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