Kultur : Rückblick: Tanz den Kafka (Theater)

Philipp Lichterbeck

Wer oder was krabbelt und huscht da durch den Theatersaal des Tacheles? Mäuse? Spinnen? Krebse? Die fünf dürren Japanerinnen von der Performance Unit 66b vollführen teils zappelige, teils definierte, immer an Tierchen erinnernde Bewegungen. Hinter ihnen hängen segelgroße weiße Tücher, auf die die ebenfalls aus Japan stammende Media Drive Unit Cell wabernde Blasen und zuckende Rechtecke projiziert. Der Rhythmus wird von minimalem aber ohrenbetäubenden Elektrogewimmer diktiert. Laut Programmheft geht es um den Körper als Bedeutungsträger. Ihm soll einer Tätowierung gleich eine Geschichte eingeschrieben werden. Das hört sich stark an, ist aber zu abstrakt, um sich im Tanz zu materialisieren. Die in weiße und schwarze Ganzkörperanzüge gekleideten Tänzerinnen fliehen voreinander und vor den Lichtern der Projektoren. Doch so originell ihre Motorik ist, eine Geschichte kristallisiert sich nicht heraus. Beim zweiten Programmpunkt des mit Survival/Colony überschriebenen Abends (von 29.11. bis 2.12., 20 Uhr) hat sich Theaterregisseur Max Schumacher wieder als Verwerter von Bewährtem bewiesen. Er hat diesmal keinen Film recycled, sondern "In der Strafkolonie" von Kafka. Vor einer (von Schumacher konzipierten) "Hinrichtungsmaschine" aus Metallstreben, Projektoren und einer Modelleisenbahn spricht Andreas Lichtenberger den unsäglichen Monolog des Offiziers, der den Tötungsapparat erklärt. Eine Egge ritze zwölf Stunden lang das Urteil in den Körper des Verurteilten, mit jedem Mal tiefer, bis er endlich sterbe. Das ist gut gemachtes Ein-Mann-Sprechtheater, aber man kann auch das Buch lesen. Jetzt sind wieder Japaner dran, diesmal die Tanztruppe Sal Vanilla. Ein Männerensemble, das wie die Kolleginnen von 66b heute Abend mit der Präzision auf Kriegsfuß steht, und ihr großes Potenzial nur erahnen lässt.

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