Kultur : Rückblick: Theater: Blut, Schweiß, Tränen

Jutta Behnen

Machen wir eine Ranking-Liste der bluttriefendsten literarischen Werke. Fallen einem da nicht als erstes Shakespeares Königsdramen ein? Auf Platz zwei könnte stehen: "American Psycho", der zu Recht umstrittenste Roman der neunziger Jahre. Das Berliner Off-Theater "Puta Madre" hat sich eine Mixtur aus diesen beiden Stoffen - 400 Jahre liegen dazwischen - von Brent S. Lichterloh zusammenschneidern lassen. Warum eigentlich? Das Königsdrama: Macbeth erkämpft sich mordend den Königstitel, animiert von einer Prophezeiung, angestachelt von seiner Frau. Das Problem an der Sache: das Gewissen und die Rächer. "American Psycho"? Morden und Foltern ohne Grund, ausgeführt von einem Yuppie ohne Gewissen. Der Berührungspunkt? Das Blut, glaubt Jan Dirk Roggenkamp, Regisseur von "Macbeth. Scottish. Psycho" (noch vom 14. - 17. Juni in der Brotfabrik, 20.30 Uhr). Der Jung-Regisseur verschneidet die stark geraffte und in Alltagssprache dargebotene Tragödie mit jeder Menge Filmszenen, Tonbandeinspielungen und Popmusik. Die Schauspieler sind in dem multimedialen Videoclip sichtlich unterfordert. Einzige Ausnahme: Michele Stieber als sich mit "Domestos" suizidierende Lady Macbeth, die durch verschiedenste emotionale Stadien wandert. Eine psychologische Kurve, zu der Jan Schönberg als Macbeth nicht mehr einfällt, als erst im Schneidersitz zu sinnieren, um dann mit zunehmend skrupellosem Blick das Schwert zu schwingen. Patrick Bateman, der "American Psycho", darf in wechselnden Figuren auftreten, um dem Drama den Kick des Horrors aufzudrücken. Das Schwert wird durch eine Nagelmaschine ersetzt, die drei Hexen ärgern Kinder und Hunde, die sie hinterrücks erstechen, und der Monolog über Whitney Houston darf auch nicht fehlen. Und die Legitimation für das dramaturgische Abenteuer? Keine außer der Lust am Versuch. Aber für ein kurzweiliges Kinderspiel ist Shakespeare zu groß und Ellis zu weitsichtig.

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