Kultur : Rückblick: Theater: Damenwahl im Saal

Pamela Jahn

Deutschland, wie die Zeit vergeht: Eben noch zur Damenwahl im quirligen Tanzsaal, flux unter der Discokugel im obercoolen Szenetreff. Stefan Neugebauer hat für seine neueste Inszenierung Made in Germany das holprige Uhrwerk der deutschen Geschichte auseinander genommen und als eine Art multimediale Zeitmaschine neu montiert, die bis ins Jahr 1933 rückdatiert ist. Zurück in die Zukunft spielen sich von dort drei Frauen und drei Männer, sechs Prototypen, die uns vormachen, wie der gemeine Deutsche an und für sich mal war, jetzt ist und später vielleicht sein wird - kurz: was es heißt, "typisch deutsch" zu sein. Und dafür nehmen sie den beschaulichen Festsaal im "Max und Moritz" (bis 9.2. jeweils Do-Sa um 20 Uhr 30), eine der wenigen ur-deutschen Bastionen im ur-deutschen Kreuzberg, gehörig in Beschlag. Ob 30er, 68er oder 90er Jahre, immer ist es irgendwie laut, geben sich unsere Deutschländer mal mehr, mal weniger prollig, liebeshungrig, aufmüpfig, sehnsüchtig, egozentrisch, nachdenklich und komisch. Die Akteure begnügen sich damit, ziemlich virtuos über die eigenen klischeeverwickelten Beine zu stolpern. Das aber mit vollem Einsatz. Nur ist eben Klischee nicht automatisch gleich erlebte Geschichte. Dafür sorgt zum Glück ein Videoschnipsel-Zeitraffer samt Bürgerbefragung, das die gespielten Szenen ablöst und die Zeitsprünge mit historischen Fakten untermalt. Das Publikum, ein angenehmer Kreuzberger Haufen, nippt derweil entspannt am Bier und sieht den deutschen Irrsinn um sich greifen. Manchmal ist es eben einfacher, "einfach" deutsch zu sein, als deutsch sein zu spielen.

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