Kultur : Rückblick: Verschmust (Jazz)

Johannes Völz

Das Revival des Jazzgesangs nimmt kein Ende. Seit Diana Krall in die Popcharts vorgedrungen ist, hat die große Suche nach blonden Sängerinnen mit weichen Stimmen begonnen. Das kommt Silje Nergaard bestens zupass. Die Norwegerin ist zwar längst keine Unbekannte mehr und hat bereits sieben Alben aufgenommen, unter anderem mit Pat Metheny. Doch seit sie im Frühjahr 2000 mit ihrer Platte "Port of Call" offen den Pop umarmte, hat die Karriere der Blondine mit der mädchenhaften Stimme einen großen Satz nach vorne gemacht. Mit der neuen CD "At First Light" steht sie nun sogar ganz oben in den norwegischen Pop-Charts. Doch live offenbart Silje Nergaard deutliche Schwächen. Im Tränenpalast wagt sie sich an eine Duo-Version des Standards "Two Sleepy People" mit dem Bassisten Harald Johnsen. Während Johnsen sein Solo spielt, summt Nergaard die Basslinie, schwankt aber im Zeitgefühl. Und als sie die Melodie aufnimmt, tastet sie nach der Intonation. Billy Holiday erhob das einst zum Prinzip, doch Nergaard klingt dabei vor allem unsicher. Wenig später, bei "How High The Moon", beginnt sie zu scatten - doch als der Pianist Tord Gustavsen das Solo unisono mitspielt, entpuppt sich die Einlage als vorgetäuschte Improvisation. Immerhin: Nergaard hat in ihren eigenen Kompositionen ein untrügliches Gespür für Melodien entwickelt, einige ihrer Songs sind veritable Ohrwürmer. Etwa "Be Still My Heart", zu dem sie Till Brönner als Überraschungsgast auf die Bühne holt. Mit seinem Flügelhorn haucht er ein paar schöne Linien, und als er zur Zugabe zurückkehrt, wird aus dem mäßigen Konzert doch noch eine entspannte Jamsession.

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