Kultur : Rückblick: Vorschlaghammer: "Auto, Auto" (Performance)

Judith Kessler

Am Anfang - das weiße Rauschen. Auf der Bühne im BKA-Zelt steht ein weißer Opel Kadett, aus dem Off ertönt leises Meeresrauschen und aus dem weißen Rauch im Innenraum des Wagens tauchen plötzlich zwei Gesichter auf. Die Vordertür öffnet sich, heraus purzeln Christian von Richthofen und Stefan Gwildis, spärlich bekleidet mit Springerstiefeln und überdimensionalen Babywindeln. Erster Gedanke: Aufstehen und Gehen. Denn Männer in Babywindeln sind so peinlich wie unlustig. Unbeirrbar erklimmen Gwildis und von Richthofen das Dach des Kadetts, greifen in ein Kindertöpfchen und scratchen mit feuchten Fingern "Alle meine Entchen" auf der Heckscheibe. Peinlichkeit Nummer zwei, die erst ein Ende hat, als die zwei hinuntersteigen, endlich die Windeln ablegen und zur Rettung des "Auto, Auto" genannten Abends schreiten. Wie zwei brave Chorknaben singen sie a capella Bachs Tocata und beweisen, dass sie mehr als Flachwitze im Repertoire haben. Zunächst mit Schmirgelpapier, dann mit Brechstange bearbeiten die zwei ihren "Konzert-Kadett", auf Bossa Nova folgen Samba-Rhythmen, ein Marsch auf der Motorhaube und ein Steptanz auf dem Autodach. Bei den zwei Musikern hat der Song "If I had a hammer" einen vandalistischen Unterton, denn sie zücken den Vorschlaghammer, schlagen auf den inzwischen schrottreifen Kadett ein und teilen dabei kräftig aus. Sie haben es auf den deutschen Autofahrer abgesehen, der beim kleinsten Kratzer im Lack einen Nervenzusammenbruch erleidet und im Kleinbürgeridyll zwischen Jägerzaun und Campingplatz aufblüht. Jeder Schlag gegen die Windschutzscheibe, die Motorhaube, gilt ihm, der, wenn es um sein Auto geht, immer noch nicht den Windeln entwachsen ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben