Kultur : Rückblick: Weltmusik: Tauchen

Jochen Metzner

Eben noch waren sie die Independent-Entdeckung im brodelnden und pulsierenden Musikkosmos Brasiliens, und schon sind sie in Berlin. Der Erfolg vor allem in den großen urbanen Zentren ihrer Heimat kommt nicht von ungefähr: Das Quintett Cordel do fogo encantado ("Die Story vom Zauberfeuer") greift die schwarzen und indianischen Ur-Rhythmen sowie die bäuerlichen Riten des äquatorialen Nordostens Brasiliens auf und verdichtet sie zu einem Soundteppich voll ratternder Motorik und perkussiver Schlaggewitter. Entgegen ihrem eher zauberhaften Namen gehen die noch sehr jungen Musiker um Sänger und Arrangeur Lirinha bei ihrer Recherche nach dem Kulturgut früherer Zeit jedoch selten so inspiriert vor, dass die musikalischen Urquellen für ein ortsfremdes Publikum dabei noch erkennbar bleiben. Ihre Adaptionen der Xucuru-Indianertänze können sich nicht schrittweise entwickeln und ekstatisch steigern, sie werden gleich als wummernde Trommelorgien gestartet. Die treibenden Strophen der Hirten von Pernambuco, mit denen bis heute die widerborstigen Viecher gescheucht werden, geraten zum donnernden Percussion-Pogo von brachialer Urgewalt, der den Konzertsaal der Ufa-Fabrik erzittern lässt. Zu selten gelingen Cordel echte Momente der Synthese und Transformation, in denen sie mit Hand- und Bauchtrommeln, mit Akustik-Gitarre und Cow Bells traditionelle Klänge mit aktuellen Spielweisen verschmelzen können. So wird der tänzelnde Ausflug eines leuchtenden Maschendraht-Monsters ins Publikum zum Höhepunkt. Wenigstens hier gehen garstige Urkräfte und neueste Materialien eine fabelhafte Synthese ein.

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