Kultur : Rückblick: Wildbret: Donovan (Pop)

H.p. Daniels

Die Columbiahalle ist zum überschaubar bestuhlten Konzertsaal verkleinert. Für Fernsehaufnahmen präsentiert Arte zwei höchst unterschiedliche Musiker, denen lediglich das Genre Folkpop in weitestem Sinne gemeinsam ist. Bei einem Helden der 60er wie Donovan ist Desillusionierung zu befürchten. Zumal man ihn lange nicht gesehen hat. Gehört allerdings erst kürzlich mit der jämmerlichen Neuaufnahme seines Hits "Atlantis", lau aufgewärmt von den Mikrowellen-Retorten-Torten "No Angels". Heute kommt er mit einer angenehmen Crew versierter und leidenschaftlicher Berliner Leihmusiker, die veritabel losrocken: "Hey Gyp" als Reggae. Und hey! Donovan sieht fast jugendlich aus mit seinen fast 56 Jahren, ziemlich schlank. Und wirkt mit rosa Hemd unter langer Anthrazitweste und Hose mit neckisch bunten Schleifen auf den Seitennähten wie ein Kellner aus dem Adriagrill. Spielt eine Förstergitarre mit grüner Decke und Hirsch-Intarsie zu seinen Greatest Hits der 60er. Und sieht extrem angestrengt aus, auch wenn er lächelt. Nur bei der improvisierten Überbrückung einer Technik-Panne mit einem Fingerpicking-Song à la Mississippi John Hurt ist ein wenig Leben und Leidenschaft zu spüren. Conferencier Patrice sagt, gleich komme Jewel, und die sei "supergut drauf", "supersympathisch" und "supersüß". So schlimm ist es dann doch nicht. Denn das blonde Girlie mit schwarzem Trägerhemdchen, freigelegtem Bauchnabel, schwarzer Lederhose und gefährlichen silbernen Stilettabsätzen ist durchaus selbstironisch und reift im Laufe der nächsten Stunde von einer schrillen Quaktasche zur charmanten Entertainerin. Irgendwo zwischen Melanie, Rickie Lee Jones und Heather Nova.

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