Kultur : Rückblick: Zeigefinger: Nicolai Thärichen (Jazz)

Johannes Völz

Es war Ende der 20er Jahre, als Duke Ellington das Paradox des Big-Band-Leiters offenbarte. Nur für ihn interessierten sich die Fans. Ganz um ihn, den Arrangeur und Komponisten, drehte sich die Musik. Doch als Pianist spielte er eine Nebenrolle, einige hielten ihn sogar für den Schwachpunkt der Band. 75 Jahre später hat sich im Jazz so gut wie alles geändert, doch das Leader-Paradox verblüfft noch immer. Nicolai Thärichen, ebenfalls Pianist und Big-Band-Leiter, half bei seinem Konzert im Kleinen Sendesaal des SFB, eine Erklärung zu finden. Als in der Eigenkomposition "Lisas Lied" sein Solo an die Reihe kommt, streichelt der 31-Jährige schüchtern die Tasten. Mangelhafte Technik kann der Grund nicht sein. Nur kann sich Thärichen die notwendige Egozentrik für ein mitreißendes Solo nicht erlauben. Mitten in einem Lauf reißt er die Zeigefinger in die Luft, um den Bläsern den Einsatz zu geben. Jede seiner Noten, jeden seiner Akkorde will er in den Klang der gesamten Band einbetten. So spielt Thärichen eigentlich gar keine Soli: Er komponiert eine zusätzliche Stimme. Das passt schon deshalb, weil zusätzliche Stimmen das Thema des Abends sind. Thärichen erweitert sein bewährtes Tentett mit jedem Stück, fügt Cello, Horn und Querflöte hinzu und spielt seine Gedichtvertonungen angelsächsischer Dichter nach der Pause schließlich sogar mit einer 17-köpfigen Big Band, angeführt vom atemberaubenden Sänger Michael Schiefel. Ein einmaliges Happening aus besonderem Anlass: Das Konzert dient als Diplomprüfung für den Konzertabschluss der Universität der Künste. Nun dürfen die Professoren schriftlich festhalten, was die Jazz-Welt schon lange weiß: dass Nicolai Thärichen zu den größten Hoffnungsträgern unter den Big-Band-Leitern gehört. Auch das: ein Paradox.

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