• Rückführung von Kunstobjekten per WWW: Schwierige Suche nach den unbekannten Besitzern

Kultur : Rückführung von Kunstobjekten per WWW: Schwierige Suche nach den unbekannten Besitzern

Isabel Merchan

Ein dunkles Erbe verbirgt sich hinter manchem Bild in deutschen Museen. Es sind Gemälde, die ihren oftmals jüdischen Besitzern während des "Dritten Reichs" gestohlen wurden und deren Besitzverhältnisse noch immer ungeklärt sind. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPKB) hat 1993 begonnen, ihre Bestände nach ehemaligem jüdischen Besitz zu durchforsten - und wurde fündig. Letzten August gab die SPKB drei Bilder aus der ehemaligen Sammlung Silberberg an die Erben zurück.

Empfängerin dieser Daten ist die "Koordinierungsstelle der Länder für die Rückführung von Kulturgütern". Sie ist Mitte April mit der Website www.lostart.de online gegangen. Mit der Internet-Präsenz verbindet sich die Hoffnung, ein neues Instrument für die schwierige Suche nach Kunstschätzen und deren Besitzern etabliert zu haben. Das weltweite Interesse an der Homepage ist groß: Allein im April gab es rund 50 000 Zugriffe auf die Seite, insbesondere aus Deutschland, Japan, Polen, von US-Universitäten und Unternehmen.

Dass die Nutzer von lostart.de sich nicht bloß die Seite ansehen, sondern darin recherchieren, zeigen etwa die Datei- und Datenmengen, die herunter geladen werden. 7691 Megabytes an Daten kamen im April durch die Abfragen zustande.

Recherchieren kann man auf www.lostart.de in zwei Datenpools mit unterschiedlichen Adressaten. Einer der Datenpools auf der Seite ist der "Restbestand CCP". Hier sind insgesamt 2242 Kunstobjekte aufgelistet, darunter auch die "Linzer Liste". Dazu zählen Werke, die Hitler für das in seiner Heimatstadt Linz geplante "Führermuseum" etwa vom "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" von Juden und ausländischen - insbesondere französischen - Museen rauben ließ. Den damals Betroffenen oder deren Erben will www.lostart.de helfen, nach ihrem Eigentum zu recherchieren und es vielleicht wieder sogar zu finden.

Ein weiterer Datenpool umfasst die von deutscher Seite reklamierte "Beutekunst", die auf den Seiten von lostart.de aufgeführt ist. Bisher haben allerdings nur Berlin und Sachsen-Anhalt dort ihre verschollenen und nach Kriegsende in die damalige Sowjetunion, die USA oder Großbritannien gebrachten Werke dokumentiert. Bis Ende 2001 sollen die übrigen Bundesländer folgen.

Inzwischen verzeichnet eine interne Grundlagendatenbank 3,4 Millionen Objekte, darunter Archialien, Bücher und Kunstwerke. Im Netz identifiziert werden können diese Objekte über eingescannte Abbildungen der Besitzerstempel, etwa die der Magdeburger Stadtbibliothek. "Es geht darum, Verluste transparent zu machen und Informationen über diese Verluste zu sammeln", so Projektleiter Michael Franz von der "Koordinierungsstelle". "Dafür ist das Internet das momentan adäquateste Medium."

Seit dem Onlinestart hat es zahlreiche Informationen und Hinweise zum Schicksal verschwundener Kunstschätze aus deutschen Museen und Bibliotheken gegeben. Restitutionen aber sind Michael Franz zufolge "in hohem Maße eine rechtliche und politische Sache." Per Gesetz hat etwa die Duma "Beutekunst" zu Staatseigentum erklärt. Unabhängig von konkreten Ergebnissen sei es wichtig, überhaupt Verluste zu dokumentieren. Die Bedingungen für Restitutionen scheinen beim "Restbestand CCP" günstiger. Zumindest seit der Washingtoner Konferenz zu Vermögensfragen von Holocaust-Opfern 1998. Damals einigten sich die 44 Teilnehmerstaaten - nicht bindend - darauf, ihre Archive zu öffnen und so die Identifikation von im Nationalsozialismus gestohlenen Werken zu ermöglichen.

Bei der Oberfinanzdirektion (OFD) Berlin, der Verwalterin des "Restbestandes CCP", hat es bislang 70 Anfragen von Erben Betroffener, insbesondere aus den USA und Israel, gegeben. "Die Anfragen kommen nach und nach", sagt Harald König von der OFD. "Erst allmählich beginnen die Leute, nach Bildern zu suchen und zu recherchieren." Fünf bis zehn Anfragen von Erben sind in ihren Angaben so konkret, dass sich "etwas daraus ergeben könnte", so König.

Die übrigen bei der OFD eingegangenen Anfragen sind sehr unbestimmt. Das liegt auch daran, dass viele der Erben die Bilder ihrer Verwandten oft nur aus Erzählungen kennen. Manche haben nur eine mehr oder weniger deutliche Erinnerung an das Bild, kennen oftmals aber weder den Titel noch den Maler.

Die Internet-Seite will darauf reagieren und eine Verbesserung durch zusätzliche Informationen erreichen. Bisher abrufbar sind Titel, Künstler, Maße, Technik und der jetzige Standort. Künftig werden die Suchoptionen erweitert. Dazu kommt etwa die Möglichkeit, nach Schlagworten wie "Alte Holländische Meister" zu recherchieren. Fotos von rund 300 Werken sollen bereits in den nächsten Tagen ins Netz gestellt werden. Bis Ende des Jahres werden Abbildungen aller Kunstschätze online sein.

Nicht gelungen ist das Auffinden der rechtmäßigen Erben gestohlener Kunst bislang in den USA. Fast zeitgleich mit www.lostart.de gingen mehrere US-amerikanische Museen mit Listen von Kunstwerken ungeklärter Herkunft online. Sie folgten damit dem Beispiel britischer Museen, die bereits im März unter www.nationalmuseums.org.uk eine solche Liste veröffentlicht hatten. Die amerikanischen Museen, darunter das Bostoner Museum of Fine Arts und die New Yorker Museen Metropolitan und Museum for Modern Art, haben mehrere hundert Werke im Netz dokumentiert. Nach Recherchen des "Boston Globe" hat es auf die Webauftritte jedoch keine Resonanz gegeben. Gemeldet hätten sich Journalisten oder Leute, die generell an der Thematik interessiert seien, so Dawn Griffin, Sprecherin des Museum of Fine Arts.

Das Internet kann bei der Suche nach Kunstschätzen oder ihren Besitzern helfen. Doch es ist nur ein Teil der Bedingung dafür. Wichtiger als die weltweiten Suchmöglichkeiten ist der rechtliche und politische Wille.

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