Kultur : Rückgabe von Kulturgütern: Das Buchgeschenk

Bernhard Schulz

Nachrichten in Sachen Beutekunst sind selten geworden, gute erst recht eine Rarität. Die Standpunkte liegen fest, und die kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter ruhen weiterhin, wohin sie der Zweite Weltkrieg geführt hatten. Besonders still war es seit jeher um den deutsch-polnischen Aspekt dieses letztlich gesamteuropäischen Problems. Es herrschte nämlich: Stillstand.

Umso überraschender die Geste des polnischen Ministerpräsidenten Buzek, Bundeskanzler Schröder nach dessen Rede vor dem Parlament in Warschau ein Exemplar der ältesten Lutherschen Bibelübersetzung von 1522 zu überreichen. Der frühe Druck zählt zu den Schätzen, die die Staatsbibliothek in Berlin seit Kriegsende vermisst; ausgelagert in Schlesien, gelangten sie unter polnische Verwaltung und - spät erst offiziell bestätigt - in die Krakauer Jagiellonen-Bibliothek. Aber gerade diese Schätze bilden den Eckpfeiler der polnischen Verweigerung jeglicher Rückgabe, moralisch bekräftigt mit dem Verweis auf die Zerstörungen der deutschen Wehrmacht im besetzten Polen.

Nun rückt die Aufnahme Polens in die EU in greifbare Nähe, die krönende Bestätigung der Zugehörigkeit Polens zur westlich geprägten Wertegemeinschaft Europas. Alte Versteinerungen beginnen aufzubrechen; und dass des Ministerpräsidenten Geste bei den Abgeordneten Beifall fand, unter denen bislang der Vorwurf der "Germanophilie" einer der ehrenrührigsten war, wird die Wiederaufnahme der festgefahrenen Beutekunst-Verhandlungen erleichtern. Allen Beteiligten ist klar, dass es mit einer schlichten Rückkehr der Berliner Bestände an ihren heimatlichen Standort Unter den Linden nicht getan ist. Auch auf deutscher Seite heißt es, liebgewonnene Auffassungen zu revidieren und beispielsweise die Archivalien ehemals deutscher Kommunen ins heutige Polen zu bringen - dorthin, wo neue Generationen die lokale Geschichte vor 1945 als eigenes Erbe begreifen wollen.

Eine solche umfassende Bereinigung der Frage kriegsbedingt verlagerter Kulturgüter setzt die erschöpfende Bestandsaufnahme der wechselseitig vermissten Schätze voraus. Sie würde erweisen, dass die Berliner Verluste wie die jeder anderen Institution nur Teile sind eines Gesamtproblems, das endlich gelöst werden muss und kann - zwischen Deutschen und Polen und schließlich in ganz Europa.

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