Kultur : Rückgrat des Sammelns

Erfolgskonzept Zweitmarkt: Die Galerie Sander expandiert in Berlin und präsentiert die Künstlerin Vanessa Beecroft

Peter Herbstreuth

Im letzten Jahr eröffnete die Darmstädter Galerie Sander eine Dependance in Berlin-Mitte. Werden die Umbaupläne im Sommer nächsten Jahres wie geplant umgesetzt, avanciert sie zu einer der größten Galerien Berlins. Momentan zeigt Sander ein komplettes Ensemble von Fotografien einer grandiosen Performance von Vanessa Beecroft (8000 bis 18 000 Euro). Dabei liegt der Fokus der Galerie, die Hans Joachim Sander in Darmstadt seit 23 Jahren betreibt, auf Werken der klassischen Moderne. Auch in Berlin begann er mit Bildern des späten Ernst Wilhelm Nay, zeigte Baumeister, Hartung, Schumacher und kürzlich eine Schau mit Londoner Maximalmalerei von Auerbach, Bacon, Freud und Kossoff. Oft sind es Werke, die man auch auf Auktionen entdecken könnte. Selten stammen sie direkt von Künstlern, sondern waren zuvor im Besitz verschiedener Händler und Sammler.

Im Unterschied zu Pioniergalerien, die Ausstellungen in Kooperation mit den Künstlern einrichten und damit Premieren-Status haben, ist Sander eine typische Zweitmarktgalerie. Denn als Premierengalerist müsste er zuerst die Performance von Beecroft zeigen. Es gilt das jus prima noctis. Ein Zweitmarkthändler begnügt sich mit Fotos und Videos. Deshalb sind vor allem tote Künstler mit lebendigen Werken das Reich einer Zweitmarktgalerie, aber eben auch Werke von Topstars wie Vanessa Beecroft mit eingeführtem Namen und hoher Nachfrage.

Verstärker des Handels

Bisweilen wird diesen Kunsthändlern vorgeworfen, sie würden erst investieren, nachdem die kostenintensive Aufbauarbeit geleistet ist. Sie seien – vor allem im zeitgenössischen Bereich – Absahner. Das Argument ist nicht von der Hand zu weisen, aber trotzdem naiv. Denn ohne Zweitmarkt wäre weder der Kunsthandel lebensfähig noch bliebe das Nachdenken über Kunst dynamisch. Man wäre allein auf Museen angewiesen, um die Werke der Kunst aus allen Zeiten in Bewegung und Erinnerung zu halten. Zwischenhändler aber sorgen wie die Auktionshäuser für Tauschbeziehungen und damit für nachhaltiges Interesse und Kommunikation über Werke, die sonst vergessen würden. Sie sind das Rückgrat des Sammelns. Ohne Zweitmarkt gäbe es keinen Kunstmarkt.

Leider wird ihre Produktivkraft gegenüber Pioniergalerien und Museen von vielen verkannt. Dabei dienen sie als Verstärker des Marktes und setzen den Endstationen des Waren- und Wertetauschs, als die sich die meisten Museen Europas definieren, Bewegungen, Entdeckungen und Neubewertungen entgegen.

Für Händler, die ihr Metier beherrschen, ist das einträglich – offenbar auch für Sander. Seine Expansion wird das gesamte Parterre des Kopfbaus mit den angrenzenden Gebäuden der Tucholsky- und Auguststraße einnehmen und der Abteilung für klassische Moderne nun auch eine aktuelle für jüngst Etablierte, wie Damien Hirst oder den früh verstorbenen Absalon, angliedern. Die Marktqualität liegt auf Höhen, als hätten die Berliner Galerien Nothelfer und neugerriemschneider fusioniert.

Zeichen für den Standort

Ob der Markt eine solche Vorgabe integrieren kann, ist das Risiko des Händlers. An der Spitze ist die Luft dünn und die Konkurrenz überschaubar. Die Sammler kaufen zunehmend auf Messen und hetzen die Händler durch die Welt. Dass sich Sander parallel zum Berliner Art Forum (1. bis 5. Oktober) erstmals als Gegenwartsgalerie mit Fundament in der Moderne einführt, kann man als optimistisches Zeichen für den Standort verstehen. Arbeiten von Vanessa Beecroft wurden in Berlin bisher nur einmal – bei dem New Yorker Händler Larry Gagosian während des Art Forums – in einer Einzelschau gezeigt und von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz komplett gekauft. Ihre Werke tauchten vereinzelt bei der Galerie Schipper & Krome auf – zu Bedingungen des Zweitmarkts. Denn auch viele Pioniergalerien bedienen sich am Sekundärmarkt, ohne es an die große Glocke zu hängen.

Malt man sich aus, welche Werke öffentlich gezeigt werden, sobald der Kurator und Kunsthändler Heiner Bastian sein Kunsthaus am Kupfergraben eröffnet, hat man ein weiteres Anzeichen dafür, dass die Depression nach dem Berlin-Hype eher die Ränder der Basis, weniger die Spitzen betrifft. Das Zentralmassiv der Zweitmarktgalerien, die zu den besten des internationalen Markts gehören, erweist sich bislang als widerstandsfähige Kunstlandschaft. Verkauft, das gilt auch für Sander, wird vor allem auswärts, verhandelt wird von hier aus. Die 1969 in Genua geborene Beecroft meint: „Mich interessiert der Unterschied zwischen dem, was ich erwarte und was dann passiert.“ Ihre Arbeit spielt mit Erwartungsangst, die jederzeit umschlagen kann: ein Tableau stiller Erregung.

Galerie Sander, Tucholskystraße 38, bis 31. Oktober, Dienstag bis Freitag 11–19 Uhr, Sonnabend 11–16 Uhr.

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