Kultur : Rückkehr auf den Rummelplatz

JAN GYMPEL

Das beste Theater ist ein schmuckloser rechtwinkliger Kasten, in dem möglichst alles schwarz ist, mit in die Decke eingelassenen Leuchten, angesiedelt in der hinteren Ecke eines Einkaufszentrums von austauschbarer Architektur.Das halten Sie für Schwachsinn? Dann wissen Sie nicht, was momentan en vogue ist, wenn man dem Begriff "Theater" das Wörtchen "Film-" voranstellt.

Seit einigen Jahren braust nun auch durch Deutschland ein Kinoboom.Überall wird renoviert und vor allem neugebaut, und angeblich schwingt man sich in Sachen Service und Komfort zu immer neuen Höhen auf.Doch die Architektur bleibt dabei auf der Strecke.Über 100 Jahre hinweg war die Entwicklung der Filmtheatergestaltung eng mit dem Aufstieg des Mediums Kino selbst verbunden.Von der Jahrmarktsbude wanderten die bewegten Bilder um 1900 in Ladenkinos, von denen etwa mit dem Friedrichshainer "Intimes" noch ein Beispiel erhalten ist.Mit wachsendem Zuspruch und steigender Qualität der Filme dehnten sich die Ladenkinos in die Seitenflügel aus - es entstanden die schlauchartigen Säle, wie man sie in Berlin etwa noch beim "Xenon" oder "Notausgang" findet.Kurz vor dem Ersten Weltkrieg war die siebente Kunst dann erwachsen geworden: Das wesentliche filmsprachliche Vokabular war entwickelt, abendfüllende Streifen mit ersten Stars wurden gedreht, in den gebildeteren Kreisen begann man das Kino ernstzunehmen.Folglich entstanden aufwendige Filmtheater, die architektonisch der klassischen Bühne nacheiferten.Mit diesen Bauten trat das Kino nun auch selbstbewußt im Stadtbild in Erscheinung, in Berlin etwa mit dem "Marmorhaus" oder dem ebenfalls 1913 eröffneten, im Zweiten Weltkrieg zerstörten "Cines", das sogar ein Solitärbau war.Geschaffen wurde dieses Haus an der Motz-, Ecke Kleiststraße von Oskar Kaufmann - dem bedeutendsten Theaterarchitekten seiner Zeit.

Natürlich entstanden repräsentative Kinos auch später noch hinter Wohn- oder Bürohäusern verborgen, doch der Film hatte eine solche Akzeptanz erreicht, daß er sich fortan auch architektonisch nicht mehr verstecken mußte.Riesige Paläste mit bis zu 3000 Plätzen entstanden, das Element Licht wurde zur Außenreklame eingesetzt, mit dem kreisenden Scheinwerfer auf dem Dach der "Lichtburg" am Bahnhof Gesundbrunnen oder mit dem in die Sichtachse der Reichsstraße 1 geschobenen Turm des "Titania-Palastes".Renommierte Architekten entwarfen Kinos wie Hans Poelzig das "Babylon" oder Erich Mendelsohn das "Universum" am Lehniner Platz.

Letzteres, in den siebziger Jahren für die Schaubühne äußerlich nachgebaut, ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie der Kinosaal selbst zum Mittel der Außenarchitektur wurde: Derweil etwa beim "Marmorhaus" die Fassade noch an ein Büro- oder Wohnhaus erinnert, wird beim "Universum" der geschlossene Saalkörper sichtbar.Auch "Zoo-Palast" oder "Kosmos" sind Beispiele für eine solche Art der Gestaltung aus der Zeit des Wiederaufbaus.

Mit der Kinokrise Anfang der sechziger Jahre kam auch die Krise der Kinoarchitektur.Der 1965 eröffnete "Royal-Palast" sollte für rund 25 Jahre die letzte große Anlage sein, die völlig neu entstand.Bezeichnenderweise ging er schon wieder fast vollständig im Europa-Center auf, den großen Saal kann man von der Straße her nicht ausmachen.Rückblickend erscheint dies fast als Menetekel.Immer häufiger werden heute neue Kinokomplexe entweder gleich an Einkaufsschachteln angefügt oder verschwinden hinter ebenso austauschbarer Architektur, hinter der sich auch ein Bahnhof, Flughafen oder Bürokomplex verbergen könnte.Im Innern ist der einst vom Theater übernommene Kanon von Kassenhalle, großem Foyer mit Garderobe und Buffet, Saal mit zumindest kleiner Bühne, Vorhängen, Rang längst passé.

Kein Gedanke mehr an die psychologische Vorbereitung des Zuschauers durch die Räume, die er zu passieren hat.So lobenswert es ist, daß etwa im "Titania-Palast" wieder Filme gezeigt werden: In den verfügbaren Raum wurden fünf Säle hineingequetscht, zu denen man teils über verwinkelte, schmucklose Gänge gelangt.Im umgebauten "Colosseum" bildet ein Kassenhäuschen fast den letzte ästhetischen Lichtblick im Entree, im neuen Foyer hat man die Fassade des ehemaligen Flachbaus an der Gleimstraße so herausgeputzt und zwischen neue Bauteile eingezwängt, daß sie wie eine Pappmaché-Kulisse wirkt.Und mit dem düsteren Einerlei der Vorführräume ist die Kinosaalarchitektur am Nullpunkt angekommen.Für die individuelle Note müssen dann etwa aufdringliche, der corporate identity folgende Teppichböden sorgen.

Es dürfe ja nichts reflektieren, heißt es dazu, und immer ausgeklügeltere Tonsysteme benötigen den schmucklosen Raumkubus, der mit Riesenleinwand und steil ansteigenden Sitzreihen versehen wird.Wer so denkt, hat 100 Jahre Kino nicht begriffen: Auch als die Bilder noch flimmerten, recht schmal, schwarzweiß und stumm waren, wurden die Menschen schon von ihnen in den Bann gezogen.Guckt man sich stattdessen lieber Decke oder Wände an, so liegt das nicht an der Architektur, sondern daran, daß der Film nichts taugt.In jedem Zimmer erliegen die Menschen der Magie der flimmernden Bilder und blicken, auch wenn sie sich miteinander unterhalten, auf den Fernsehapparat, sobald dieser eingeschaltet wird.Und technische Neuerungen sind auch bei Kino oft weniger einem wahren Bedürfnis der Kunden geschuldet als dem Versuch, die Konkurrenz mit ihrer Hilfe schlecht aussehen zu lassen - das war schon bei der Einführung des Tonfilms so oder, weniger erfolgreich, bei Cinemascope und 3-D.

Auf die schrecklichen Schachtelkinos der siebziger Jahre, als man jede Besenkammer zu einem Vorführraum umfunktionierte und die alten Palastsäle entweder zerteilte oder beschnitt, ist die Anspruchsschachtel gefolgt: Keine Mustertapeten mehr, keine schäbigen Vorhangstoffe, aber auch keinerlei gestalerische Ambitionen.Auch werden, zwecks Risiko-Minimierung, wirklich große Säle nicht mehr gebaut: Fünf-, sechshundert Plätze sind das Äußerste, bei besonders großer Nachfrage zeigt man denselben Film eben in zwei oder drei Sälen zugleich.Wobei die Projektionsqualität bisweilen auf der Strecke bleibt; bei all der teuren Technik will man sich nicht mehr für jeden Saal einen eigenen Vorführer leisten, der bei Störungen sofort eingreifen könnte.Und während immer mehr austauschbare Kinomaschinen entstehen, verschwinden zusehends die Zeugnisse der klassischen Filmtheaterkultur.Man muß schon von Glück sagen, daß bei der Renovierung des "Zoo-Palastes" nicht mehr als das hintere Foyer zerstört wurde, wo steril nachgeäfftes Fünfziger-Jahre-Design das plüschige Original aus jener Zeit verdrängte.Im "Royal-Palast" wurden die Kassenhäuschen aus noblem Holz ersetzt durch schäbige Container; den "Gloria-Palast" hat man jetzt, nach Abriß des eleganten Nachkriegssaales für die kommerziell hochproblematische Gloria-Galerie vor rund zehn Jahren, ganz geschlossen; das "Alhambra", eine Perle der Fünfziger-Jahre-Kinoarchitektur abseits der City, weicht in Kürze einem weiteren 08/15-Multiplex.

Vieles spricht dafür, daß sich bei den Kinos derselbe Prozeß vollzieht wie im Lebensmittelhandel in den Sechzigern: "Tante Emma" verschwand zugunsten des Supermarkts.Was nicht heißt, daß der kleine Lebensmittelladen völlig ausgestorben ist.Aber er ist zur Rarität geworden.Immer mehr Filme werden immer schneller durch die Kinos gepeitscht, mit Hunderten von Kopien gleichzeitig gestartet, damit der immense Reklameaufwand sofort finanziell zu Buche schlägt.Die rasante Auswertung bedingt eine Massenabfertigung von zwei-, dreitausend Menschen, die rasch mit Cola und Popcorn versorgt und in die Säle getrieben werden, nachdem man ihre Vorgänger ebenso forsch (oft über irgendwelche Nottreppen oder Hinterausgänge) hinausbefördert und bestenfalls kurz den gröbsten Schmutz beseitigt hat - schließlich bedeutet jede Minute, die der Saal leersteht, verlorene Rendite.

Zu einem klassischen Multiplex gehören Gastronomie, der Verkauf von Merchandising-Produkten, teils auch schon Spielecken - das Kino ist zu einer Attraktion unter vielen regrediert.Folglich richten sich architektonische Ambitionen, wenn es sie denn überhaupt noch gibt, fast nur noch auf das Foyer, am spektakulärsten vielleicht mit dem dekonstruktivistischen "Kristall" des neuen Dresdner Ufa-Palastes, an den sich freilich die üblichen "Black Box"-Säle anschließen.Das Foyer soll zum Raum werden, in dem die Menschen sich treffen und aufhalten.Zehn, zwölf oder - wie demnächst im Cinemaxx am Potsdamer Platz - auch knapp 20 Filmvorführungen werden in Konkurrenz zueinander marktschreierisch feilgeboten.Naheliegend wäre da die Idee, bald Eintrittskarten gleich für den ganzen Komplex zu verkaufen: Die Besucher könnten dann zwischen den Sälen hin- und herwandern, zur Bar gehen, mal hier, mal dort reinschauen, wie sie es vom Fernsehen her kennen.Dann wäre das Kino nach seinem Aufstieg in die Sphären der Hochkultur wieder ganz an seinem Ausgangspunkt angelangt - auf dem Rummelplatz.

KINO-PALAST: das Marmorhaus am Berliner Kurfürstendamm um 1950.Foto: PFD/Marszalek

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