Kultur : Rückkehr der Diva

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf freut sich

auf vier Opernpremieren

Es war eine echte Überraschung, als Intendant Andreas Homoki auf der Jahrespressekonferenz der Komischen Oper die Besetzung der „Jenufa“ -Premiere am 16. November verkündete: Für die zentrale Rolle der Küsterin hatte er nämlich niemanden anderes als Karan Armstron g ausersehen. Ausgerechnet Berlins „Diva der Moderne“, die während der Ägide ihres Mannes Götz Friedrich an der Deutschen Oper so gut wie alle möglichen und unmöglichen Rollen gesungen hatte, und die dort gerade erst abserviert worden war! Die meisten Journalisten reagierten da nur mit ungläubigem Kopfschütteln. Dabei macht die Besetzung durchaus Sinn: kulturstrategisch, um das Stammpublikum der Deutschen Oper zu einem Besuch im anderen Haus zu verführen; aber auch künstlerisch, denn allzu viele Sängerinnen, die das (für diese Rolle besonders wichtige) darstellerische Format und die hochdramatische Stimme besitzen, gibt es nun einmal nicht – den Kritikern fiel auch prompt nichts anderes ein, als immer wieder auf (die für die Komische Oper vermutlich nicht bezahlbare) Anja Silja zu verweisen, die in der letzten Spielzeit in Janaceks Kindsmorddrama an der Deutschen Oper triumphierte.

Alle, die ihren Groll gegen Frau Armstrong nicht begraben wollen, müssen sich bis zum Auftritt der Zweitbesetzung (der fantastischen Julia Juon, die zuletzt als Gräfin in der Hamburger „Pique Dame“ und als Amme in der Frankfurter „Frau ohne Schatten“ begeisterte) im Februar gedulden. Aber das ist ja in der Opernmetropole Berlin kein Problem: Ablenkungsmöglichkeiten gibt es mehr als genug – allein in dieser Woche zeigen VIER Opernpremieren, wie lebendig die Szene ist. Neben der „Jenufa“ am Sonntag kommt John Dews Inszenierung von Bellinis „Puritani“ aus Wien an die Deutsche Oper – krankheitshalber findet die Premiere am Mittwoch leider ohne die in dieser Rolle gefeierte rumänische Primadonna Elena Mosuc statt; stattdessen springt die Irin Maureen O’Flynn ein, die in dieser Produktion jedoch ebenfalls schon in Wien gesungen hat. Nimmt man die beiden übrigen Premieren, die Produktion der Berliner Kammeroper von Reinhard Keisers Barockoper „Der verführte Claudius“ im derzeit verwaisten Hansa-Theater (14.11.) und Wolfgang Rihms „Séraphin“ mit der Zeitgenössischen Oper im Haus der Berliner Festspiele (20.11.) hinzu, bekommt man beinahe den Eindruck, als solle in einer konzertierten Aktion die Vielfalt der Gattung Oper demonstriert werden. Und als solle damit auch der Beweis geführt werden, dass drei Opernhäuser für Berlin nicht zu viel, sondern eher noch zu wenig sind.

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