Kultur : Rückkehr der Emigranten an deutsche Unis

Gerwin Klinger

Frankfurt 1948: Der Philosoph Mauthner wird zu Grabe getragen. Als Jude war er 1933 aus Deutschland vertrieben worden. Nach Jahren des Exils in den USA folgte er nach dem Krieg einem Ruf der Universität Frankfurt und kehrte ins geliebte Deutschland zurück. Seine Antrittsvorlesung wurde ein bewegendes Bekenntnis zur Freiheit und zur Überwindung des Völkerhasses - so bewegend, dass die antisemitische und nazistische Ablehnung, die ihm in der Universität zuerst entgegengeschlagen war und ihn zutiefst verletzte, am Ende ins Wanken gerät. Wo sein Sarg nun vorbei getragen wird, ziehen verneigen sich die Menschen; Studenten, die ihn zuvor als Juden verachteten, schließen sich dem Trauerzug an.

Mauthner ist - trotz der Namensgleichheit mit dem Sprachphilosophen Fritz Mauthner (1849 - 1923) - eine fiktive Figur, der Protagonist nämlich in Fritz Kortners Film "Der Ruf" von 1949. Ein tragischer Held, geboren aus dem Wunsch nach Versöhnung zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Deutschen: Der jüdischen Remigrant erlöst mit seinem Tod die verstockten Deutschen aus dem Kontinuum von Antisemitismus und Nazismus. Sein Sarg wird zum Ort der Versöhnung und symbolischen Wiedergutmachung. An ihm bekunden Deutsche öffentliche Trauer, die als Zuschauer der Vertreibung der Juden beigewohnt haben. "Der Ruf" ist ein vergessener Film, den das Einstein Forum in Potsdam für die Tagung über "Remigranten an deutschen Universitäten nach 1945" aus den Tiefen der Archive aufgespürt hat. Mit seinem mythologisierenden Versöhnungspathos bildete er eine Kontrastfolie zur tatsächlichen Remigration von Wissenschaftlern in das Deutschland nach der "Stunde Null".

Doch ein solider quantifizierender Gesamtüberblick fehlt. Die Forschung steht, ob für West- oder Ostdeutschland, erst am Anfang. Geschätzt wird, dass etwa 650 Emigranten nach Deutschland zurückkehrten, überproportional viele in die DDR, besonders die unter dem Rubrum "politisch" Vertriebenen. Dieses Forschungsdefizit ist auch symptomatisch zu deuten: Allen offiziellen "Rufen" zum Trotz gab es an den Universitäten einen untergründigen Abwehrriegel gegen die Remigration. Schließlich saßen auf Emigranten-Stellen - die halbherzige Entnazifizierung ist bekannt - nun interessierte Profiteure der Nazi-Säuberungen. Die Botschaften aus Deutschland waren häufig vergiftet. Bezeichnend ist Alfred Anderschs programmatischer Aufruf für ein "junges Europa" von 1946. Zusammenfinden sollten unter diesem Label: alliierte Soldaten, die Männer des europäischen Widerstands, ehemalige Hitler-Jungen sowie Frontsoldaten und politische KZ-Häftlinge. Die vertriebenen oder in KZs inhaftierten Juden werden - unüberhörbar - nicht genannt. Die Fachhistorikerin Ulrike Wendland spricht für die Kunstgeschichte sogar von einer "vereitelten Remigration": Die NS-Säuberungen hatten alle modernen, etwa psychoanalytischen und materialistischen Ansätze zurück gedrängt. Der damit herrschende Anti-Modernismus wurde konserviert und auf internationalen Fach-Kongressen mit Arroganz präsentiert. Die andere Folge des Exils ist, dass vor allem in den angelsächsischen Ländern viele Forscher zu exzellenten Bedingungen in das Wissenschaftssystem integriert wurden - für sie war der Anreiz, in das ruinierte und belastete Deutschland zurückzukehren, mithin gering. Das gilt insbesondere für die Biologie, Physik, Mathematik und Psychoanalyse.

Alte Stigmatisierungen

Das akademische setting erwies sich für die vereinzelten Remigranten als höchst prekär, verurteilte sie zumeist zu fachpolitischer Wirkungslosigkeit. Der Soziologe Karl-Siegbert Rehberg zeichnet die Situation für Remigranten seines Faches nach. René König etwa, Mitbegründer der empirischen Soziologie, kam 1949 aus der Schweiz zurück. Er fügte sich nicht in die kollegialen Usancen und begegnete den alten Nazis mit Hass. Im Gegenzug stigmatisierte ihn die Institution als Außenseiter: Die Verbeamtung verzögert sich bis 1956, die Habilitation aus der Schweiz kann erst 1975 erscheinen.

Wissenschaftliche Innovationen brachten vor allem zwei große institutionell eingerahmte Remigrationsprojekte: zum einen erfolgte - im Kontext der US-Reeducation - die Gründung der Hochschule für Politik durch Ernst Fraenkel in Berlin, zum anderen kehrte die Frankfurter Schule zurück, welche in den USA immer stärker unter Druck geraten war. Ihre Kritische Theorie führte den Marxismus und die Psychoanalyse im Gepäck und avancierte - ablesbar am Programm des Suhrkamp Verlages - in den 50er und 60er Jahre zur dominierenden Deutungsmacht der Bundesrepublik. Allerdings geht dieser Aufstieg mit einem signifikanten theoriepolitischen Anpassungsprozess einher: Das ist die These Lorenz Jägers von der "FAZ". Bei Horkheimer konstatiert er ein "eigentümliches Unkonkretwerden der NS-Vergangenheit in einem universellen Verhängnis".

Traumatische Schweigeverhältnisse

Anders als die Idealfigur des Philosophen Mauthner hatten die wirklichen Remigranten nicht die Macht, den Raum zu öffnen für den Diskurs über die abgeschnittene deutsche Schuldgeschichte. Als Preis für ihre Integration haben sie sich vielmehr in die traumatischen Schweigeverhältnisse der Bundesrepublik einzustellen. Dass dieses Schweigen ein institutionell verfügtes ist, hindert während der Tagung des Einstein-Forums den Chemnitzer Philosophen Ferdinand Fellmann nicht daran, sich darauf positiv zu berufen: in einer Lobrede auf die bruchlose geistige und personelle Kontinutät der Philosophie nach 1945. Diese Kontinuität sei kein "Mangel an Sensibilität", keine "Flucht aus Verantwortung". Im Gegenteil: Als "Vergangenheitsbewältigung", in der "Ruhe des Denkens" werde die "große Weigerung", den "deutschen Geist" mit den "Verbrechen des Nationalsozialismus" zu identifizieren, bestätigt und "bezeugt" durch die jüdischen Remigranten unter den Philosophen: Karl Löwith und Fritz Kaufmann.

Die Kritik an Fellmanns philosophischer Geschichtspolitik war im Tagungskreis laut und deutlich: Von einer aparten, gegen die historische Wirklichkeit abgedichteten Geist-Ebene aus werde durch ihn das inzwischen leidlich dokumentierte Nazi-Kapitel der philosophischen Fachgeschichte einfach wegkonstruiert. Kurz, die altbekannte Weißwäscherei, diesmal von besonderer Infamie: Für den Persilschein auch noch jüdische Zeugen zu erfinden, das adelt Ferdinand Fellmann zum Prinzen Sayn-Wittgenstein der philosophischen Fachhistorik.

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