Kultur : Rückkehr der verlorenen Töne

Das Jeunesses Musicales Weltorchester ist wiedererstanden – und gastiert im Januar in seiner alten Heimat Berlin

Frederik Hanssen

Das gelobte Land der Klassik heißt derzeit Spanien. Auf der iberischen Halbinsel boomt die Musikszene, neue Konzertsäle werden gebaut (zum Beispiel Calatravas spektakuläres Projekt auf Teneriffa), abgebrannte Opernhäuser werden als High-End-Musiktheater wieder errichtet (Barcelona), ja ganze Kulturkomplexe neu geschaffen (Valencia). Spanien wurde auch zum Exilland für gleich zwei Jugendorchesterprojekte, denen in Deutschland das Geld fehlte. Daniel Barenboims 1999 in der damaligen Kulturhauptstadt Weimar gegründetes „WestEastern Divan Orchestra“, vielfach preisgekröntes Ensemble aus israelischen und arabischen Nachwuchsmusikern, fand in Sevilla eine dauerhafte Basis, und das Jeunesses Musicales Weltorchester wird seit 2005 von Valencia aus gemanagt.

16 Jahre lang war der Name des Weltorchesters eng mit Berlin verbunden. Hier wurden seit 1986 die zweijährlichen Arbeitsphasen des erdumspannenden Ensembles organisiert, bei denen jeweils rund 100 junge Instrumentalisten aus 40 verschiedenen Ländern zusammenkamen. Die winterliche Probenrunde fand dabei immer am Berliner Stadtrand statt. In der Jugendbegegnungsstätte des Jagdschlosses Glienicke wurde die Turnhalle zum Probenraum umfunktioniert; dort stürzten sich die 16- bis 25-Jährigen gemeinsam mit dem künstlerischen Leiter, Yakov Kreizberg, oder anderen renommierten Maestri auf die ganz großen Brocken des Repertoires. Das Ergebnis führten sie in der ersten Januarwoche bei einem stets umjubelten Auftritt in der Philharmonie vor.

Ende März 2003 kam überraschend das Aus, der Trägerverein musste Insolvenz anmelden. Wer für die finanzielle Havarie verantwortlich war – das wurde nur hinter den Kulissen diskutiert. Die Geschäftsstelle im feinen Steglitzer Wrangelschlösschen jedenfalls wurde aufgelöst. Und so erinnerten in den vergangenen Jahren allein die Konzerte des Ensembles Weltblech noch an die Idee des Weltorchesters: 1995 hatten 12 Blechbläser nach dem Ende einer beglückenden Berliner Arbeitsphase beschlossen, als autonome Formation weiterzumachen. Die musikalische Liaison erwies sich als haltbar, wenn sich die zwölf Freunde aus diversen Ländern der Erde auf den Weg nach Berlin machten, kamen sogar die Familien mit. „Von festlich bis fetzig“ lautet das Motto der virtuosen, geistreichen Abende mit verrückten Bläser-Arrangements. Am 4. Januar 2007 steht im Kammermusiksaal der Philharmonie diesmal eine „Hungarian Rhapsody“ auf dem Programm.

Veranstalterin der Weltblech-Auftritte ist seit 1995 Mireya Salinas. Als die Musikmanagerin vor zwei Jahren von der Renaissance des Jeunesses Musicales Weltorchesters in Valencia hörte, stand für sie fest: Das Orchester muss unbedingt auch wieder nach Berlin kommen! Am 8. Januar ist es so weit. Zwischen Auftritten in Holland und Spanien präsentiert die Truppe im großen Saal der Philharmonie Strawinskys „Sacre du printemps“ sowie Sibelius’ Violinkonzert mit der blutjungen Solistin Alina Pogostkina. Als Chefdirigent fungiert jetzt Josep Vicent, ein junger spanischer Maestro, auf dessen Konto auch die Wiederbelebung des Orchesters geht. Der ursprünglich als Schlagzeuger ausgebildete Vicent hat Anfang der neunziger Jahre selber zweimal im Weltorchester gespielt und kann die Doppelidee von Völkerverständigung und gemeinsamem Musizieren überzeugend vertreten. Als Dirigent ist er seit 1998 aktiv, hat neben kleineren Opernprojekten bislang vor allem spanische Ensembles geleitet – und darf sich vom Weltorchesterprojekt einen Karrierekick erhoffen.

Die Proben fanden in diesem Jahr übrigens in Alicante statt, einer bislang eher als Teutonengrillplatz bekannten Stadt an der Costa Blanca. Auch dort hat man sich gerade einen neuen Konzertsaal bauen lassen.

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