Kultur : Rückkehr ins Schloss

Dresden feiert den Einzug der Kunstsammlungen in die alte, neue Residenz. Den Anfang macht das Kupferstichkabinett

Bernhard Schulz

Beifall brandet auf, als der langjährige Direktor des Dresdner Kupferstichkabinetts zu DDR-Zeiten sich vor der Festversammlung erhebt. Ohne Werner Schmidt, in dessen Spitznamen „Kupfer-Schmidt“ die Bewunderung für steten Widerstand gegenüber den Zumutungen der SED mitschwingt, und ohne ebenso listenreiche Denkmalpfleger wie Gerhard Glaser und Heinrich Magirius würde es diesen festlichen Freitagabend zum Einzug des Kupferstichkabinetts in den zu neuem Leben erwachten Westflügel des Dresdner Schlosses nicht geben.

Es würde überhaupt kein Schloss mehr geben. Nach dem apokalyptischen Stadtbrand vom 13. Februar 1945 verfiel die Ruine. 1961 rang sich die SED ein Ja zum Wiederaufbau ab. Der (nordöstliche) Georgenbau entstand in seinem Volumen, nicht jedoch in seiner historischen Form wieder. Es dauerte bis 1985, ehe Parteichef Honecker angesichts der glanzvoll wiedererstandenen Semper- Oper umfassende Bauarbeiten bewilligte.

Schwung bekam das Vorhaben nach der Wende, und in diesem Jahr kann endlich in Besitz genommen werden, was bis heute mit 162 Millionen Euro aus dem sächsischen Landeshaushalt finanziert worden ist. Nach dem Kupferstichkabinett wird im September mit der Rückkehr der Schatzkammer des „Grünen Gewölbes“ die Hauptattraktion des künftigen Museumsschlosses wieder am authentischen Ort zu bewundern sein.

Dresden schwelgt in festlichen Momenten. Im kommenden Jahr wird sich mit der Weihe der Frauenkirche das Symbol für den Untergang Dresdens endgültig zum Symbol der phönixgleichen Auferstehung der sächsischen Residenzstadt wandeln. Das Schloss, Mittelpunkt des politischen Lebens für 360 Jahre zwischen dem Ausbau als einem der bedeutendsten Renaissancebauten nördlich der Alpen in der Mitte des 16. Jahrhunderts und der Abdankung des Königshauses 1918, versperrt nicht länger als rauchgeschwärzter Koloss den Weg vom Altmarkt zur Elbe, sondern beginnt ein neues Leben als Stätte von Kunst und Wissenschaft.

Museumsschloss oder Schlossmuseum – in diesem Begriffspaar lauert die untergründig schwelende Kontroverse, die den Wiederaufbau des verschachtelten Ensembles seit der Wende begleitet. Ist das Gebäude lediglich die bauliche Hülle für eigenständige, zeitgemäß organisierte Einrichtungen, oder bildet es mit seinem Inhalt eine Einheit als Denkmal der eigenen Vergangenheit? Die allen anfänglichen Kleinmut Lügen strafende Wiedererstehung der Frauenkirche hat die Zweifler der Schloss-Rekonstruktion leise werden lassen. Doch das vor Jahren – wie stets bei solchen Vorhaben – an die Wand gemalte Geschichts-Disneyland droht nicht. Die sächsische Denkmalpflege ebenso wie die Staatlichen Kunstsammlungen als künftiger Gesamtnutzer wissen gut genug, dass es „das“ Schloss, wie es im Februar 1945 unterging, nie mehr geben kann, weil es das gewachsene Ergebnis zahlreicher Überformungen darstellte, insbesondere nach der für den Ausgang des 19. Jahrhunderts typischen Vereinheitlichung in den beliebten Formen der Neo-Renaissance.

Das Kupferstichkabinett allerdings stand von vorneherein außerhalb all dieser Fragen. Wolfgang Holler, der 1991 aus dem Westen gekommene Schmidt-Nachfolger, konnte am Freitag unbeschwert das Bild vom „veritablen Louvre Sachsens“ ausmalen. Seine Institution hat ihren Ursprung im Schloss, wo der Erstbestand als Teil der Kunstkammer bis 1720 beheimatet war – übrigens genau in jenem dritten Stockwerk unter dem Dach, den Kabinett jetzt erneut bezogen hat. In jenem Jahr wurde es als erstes deutsches Museum seiner Art begründet und in ein eigenes Gebäude verlegt; seit 1763 waren die Bestände an zwei Tagen der Woche für Besucher zugänglich. Ein Jahrhundert später zog die Sammlung in die Gemäldegalerie, ehe sie die DDR-Zeit außerhalb des Stadtzentrums zubrachte. Erst 1958 kehrten die Dresdner Sammlungen aus sowjetischem Gewahrsam an die Elbe zurück. Angesichts der heutigen Unmöglichkeit, Beutekunst aus Russland zurückzuerlangen, erinnern sich ältere Dresdner mit Dankbarkeit an die kaum für möglich gehaltene Rückgabe von 1958, wie politpropagandistisch sie auch inszeniert gewesen sein mochte. Gleichwohl vermisst das Museum – worüber vor 1989 keine öffentliche Silbe verloren werden durfte – von über 400000 von der Roten Armee beschlagnahmten Blättern immer noch 50000. Dass es „Kupfer-Schmidt“ gelang, in seiner dreißigjährigen Amtszeit 60000 Blatt zu erwerben, nötigt angesichts der materiellen Nöte der DDR größten Respekt ab.

Nicht nur eine der ältesten, sondern auch der weltweit bedeutendsten Grafiksammlungen hat im Dresdner Schloss ihr angemessenes Domizil gefunden. Dass die Inneneinrichtung von den traditionsreichen „Deutschen Werkstätten“ in Hellerau jenseits der Elbe ausgeführt wurden, versteht sich von selbst. Der Studiensaal, dessen herrliche Aussicht auf ein wiedererstandenes Stücklein Dresden die Narben von 1945 für einen Augenblick vergessen lässt, signalisiert kunsthistorische Forschung. Ihr gegenüber präsentieren die beiden Ausstellungsräume, deren einer sich ein wenig mühsam gegen die Dachschrägen behaupten muss, einen kunterbunten Querschnitt durch die Sammlung, als gelte es, zählebige Vorurteile gegenüber den grafischen Medien vom Tisch zu wischen. Die Eröffnungsausstellung „Weltsichten“ wird ihrem Untertitel „Meisterwerke der Zeichnung, Grafik und Fotografie“ insofern gerecht, als sie die drei Gattungen der Kunst auf Papier ausgewogen vorführt und der Fotografie, die in Dresden seit 1899 und damit früher als sonstwo in Deutschland gesammelt wird, ihren gleichberechtigten Rang bestätigt. Doch die Stärken der Sammlung werden nur im Falle des in Dresden – dank des kürzlichen Ankaufs der Mappe „Elles“ mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder – lückenlos vertretenen Toulouse-Lautrec ausgespielt. Auf die kritische Durchleuchtung des Rembrandt-Bestandes wird man warten müssen; dass aber von den 90 Blättern C. D. Friedrichs nur ein einziges ausgewählt wurde, ist des – berechtigten – Lokalstolzes entschieden zu wenig.

Die „Weltsichten“ sind in vierzehn Kapitel unterteilt, unter denen die „Frühen Meisterzeichnungen“, die „Alte Meistergrafik“ und die „Frühen Photographien“ das sind, was der mit dem Bestand unvertraute Betrachter erwartet: ein Vorhanglüften, ein Schranktüröffnen der unerschöpflichen Schätze im wohltemperierten Depot. 166 Katalognummern von 120 Künstlern stehen für die Sammlung ein. Jan van Eycks einzige nachgewiesene Zeichnung von 1435, Andrea Mantegnas so folgenreicher Kupferstich von 1480, aber auch die malerisch komponierte Fotografie der beiden Schotten Hill und Adamson von 1844 wecken Erwartungen auf vertiefende Einblicke in den Bestand. Historisch von Bedeutung, aber zugleich optisch eine Delikatesse ist die Abteilung „Sciences“, die auf den ursprünglich naturwissenschaftlichen Bezug der (Buch-)Grafik verweist. Da werden die Fauna Brasiliens in Zeichnungen von 1641 vorgestellt, oder auch die Anatomie des menschlichen Körpers in einem Amsterdamer Lehrbuch von 1738. Als 1720 der spätbarocke Zwinger samt einem Kupferstichsaal eingerichtet wurde, trug er den Namen „Palais des Sciences“.

Wissenschaft, nicht Wunderkammer ist in den neuen Räumen des Kupferstichkabinetts im Schloss die Losung. Aber das Staunen über die Wunder künstlerischen Ingeniums ist dort oben unterm Dach unausweichlich. Eine großartige Sammlung ist wieder da – im Museumsschloss. Anderenorts im weitläufigen Ensemble wird es ein Schlossmuseum geben. Dresden hat für beides Platz.

Dresden, Schloss, Bärengartenflügel. „Weltsichten“ bis 18. Juli. Katalog im Deutschen Kunstverlag, 24,90 €, im Handel 34,90 €.

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