Kultur : Rückkopplung

Dan Graham führt durch eine Berliner Taut-Siedlung

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1975: Zwei Dutzend Zuschauer kauern auf dem Boden eines New Yorker Kunstraums. Der Künstler hat ihnen den Rücken zugewandt, bewegt sich vor einer Spiegelwand und kommentiert wie ein Baseballreporter, was er sieht: „Ich balanciere auf einem Bein ... Ich kratze meine Schulter ... Einige Leute lachen.“ Dan Grahams Lecture-Performance „Performer/Audience/Mirror“ unterlief die Erwartung an den Künstler als Verkünder und brach das starre Verhältnis zwischen Betrachter und Werk.

2009: Nach einem Vortrag Grahams im Hamburger Bahnhof vor 500 Zuhörern stehen die Kunststudenten für Autogramme Schlange. Die Anekdote dient dem Konzeptkünstler bei einer Diskussion im Eternithaus der Akademie der Künste zur Illustration der Veränderungen der Kunstrezeption: Die Performance-Kunst der sechziger und siebziger Jahre habe in einer überschaubaren Gemeinschaft Ideen von Intimität und Unmittelbarkeit verfolgt. Heute seien die Konzepte von damals in das große anonyme Kunstspektakel eingespeist. Breite Zustimmung auf dem Podium. Das Publikum selbst sei heute das Spektakel, sagte der eine Generation jüngere Künstlerfreund Nicolas Guagnini. Geladen hatte die Berliner Gruppe The Office, die laut Kuratorin Ellen Blumenstein Situationen sucht, die jenes Spektakel unterlaufen. Eine monatliche Veranstaltungsreihe soll das derzeit wiederentdeckte Genre „Lecture Performance“ untersuchen, die Verbindung von Vortrag und Kunst.

Graham und Guagnini hatten am Nachmittag den Anfang gemacht, in einer Ortsbegehung von Bruno Tauts Neuköllner Hufeisensiedlung. Angekündigt als Platonischer Dialog, übernahm der Schüler die Regie, frei über die romantische Raumorganisation des frühen Sozialbaus und die Hundeliebe der Bewohner assoziierend. Erst die Initiative einer Teilnehmerin überwand den touristischen Blick: Ein Bekannter öffnete sein Haus und einen Blick in die Gegenwart der einstigen Arbeiter-Utopie, die zunehmend aus Liebhaberobjekten für Architekten besteht. „Ich habe mich nicht vorbereitet“, bekannte sich der Kunsthistoriker Erik de Bruyn zur erklärten Flexibilität der Veranstaltung. Diese ließe sich auch als konzeptuelle Nachlässigkeit beschreiben. Letztlich führte sie zu einem Zerrbild von Grahams Spiegelsituationen: Am Ende des Tages zählte vor allem das Dabeigewesensein. Wie beim Spektakel. Kolja Reichert

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