Kultur : Rückschau: Lärmlawine: Tricky im Columbiafritz (Pop) und weitere Bühnenberichte

weitere Bühnenberichte

Tricky ist der "21 Century Schizoid Man". So ähnlich dürften sich die Konzeptrocker von King Crimson die Symbolgestalt des kommenden Jahrhunderts vorgestellt haben, als sie vor dreißig Jahren den berühmten Titelsong ihres Debütalbums schrieben - verhaltensgestört, kontaktscheu, an der Grenze zum Wahnsinn. 1995 nahm Tricky die wahrscheinlich beste Trip-Hop-Platte der Dekade auf. Sein Erstling "Maxinquaye" wurde ein Hit, das Gettokid aus dem britischen Bristol zum Star. Der Erfolg überforderte ihn völlig: Tricky brachte nur noch düster dröhnende Geräuschcollagen heraus, in denen er mit aller Welt abrechnete. Erst sein jüngstes Werk "Blowback" klingt wieder etwas zugänglicher. Beim Konzert im Columbiafritz ist davon aber wenig zu spüren: Zum unbarmherzig stampfenden Maschinenbeat seiner sechs Mitstreiter zelebriert er einen selbstquälerischen Egotrip. Blutrot angestrahlt, stilisiert sich Tricky zum Schmerzensmann. Dabei haut er in seinen Songs lauter ungeschlachte Klangbrocken zusammen, die wunderbar zueinander passen. Manche Kritiker bescheinigen ihm musikalische Genialität, stellen ihn in eine Reihe mit Mozart und Bach. Jedenfalls hat niemand zuvor solche Lärmlawinen komponiert, die sich trotz zahlloser Stilbrüche mit bezwingender Binnenlogik entwickeln. Soll man von Heavy-Metal-Miniopern oder Selbstmördersoul sprechen? Was natürlich ein erlesenes Publikum anzieht. Selten sieht man so viele Gestrandete, Gescheiterte und Stadtneurotiker beisammen. Wenn der Berserker auf der Bühne nach zwei Stunden seine private Revolution der Popmusik durchdeklamiert hat, erreicht die Depression ihren Höhepunkt. Beeindruckend, aber auf Dauer unerträglich.

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