Kultur : Rückschau: Schweißsturz: Mozarts "Don Giovanni" in der Kulturbrauerei (Oper)

Christine Lemke-Matwey

Heiß ist gar kein Ausdruck. Rinnsale aus sämtlichen Poren. Oper als Ganzkörper-Wadenwickel. Plastikschalensitze, an die drei Stunden lang kein Lüftchen rührt. Das Kesselhaus der Kulturbrauerei machte seinem Namen alle Ehre: welch siedender, gärender Parcour der Leidenschaften! Mozarts "Don Giovanni" für acht Darsteller, sieben Stühle und Orchester. Das dramma giocoso als Reise nach Jerusalem. Als spritzig-böses, alle Affekte und verschränkten Seelenlagen sehr genau auslotendes Spiel im Spiel. Die Darsteller fast immer auf der leeren Bühne, trinkend, essend, sich den Schweiß von der Stirn wischend. Die Fabel ganz von ihrem bittersüßen Ende her erzählt (weitere Vorstellungen heute sowie am 15. u. 17.7.; 1., 3., 7.8.; 18., 19., 21.9. jeweils um 20 Uhr). Ursprünglich für ein süddeutsches Festival bestimmt, wanderte die Produktion im Streit nach Berlin aus: ohne Budget, ohne Infrastruktur. Armes Theater, gutes Theater? Sandra Leupolds Regie glänzt, verteilt zum Fest blöde bunte Faschingshütchen, scheut sich nicht vor Handgreiflichkeiten und lässt die Figuren zu Giovannis Canzonetta im zweiten Akt allesamt in schwerste Verzückung geraten. Die Verführung lebt! Nur leider nicht auch musikalisch. Wo Eric Schneider und das Berliner Mozart Ensemble sich in bräsigen Tempi und lauter lumpigen Phrasierungen ergehen, da ringen die jungen Sänger mit der richtigen Intonation. Stimmlich wissen die Damen - Kátia Händel als Anna, Kathrin Unger als zeitweise betörende Elvira, Annette Walter als Zerlina - besser zu überzeugen als die Herren: Christian Grygas in der Titelpartie, Marek Reichert als Leporello. "Es geht auch anders, aber so geht es auch", behauptete einst der alte Brecht.

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