Kultur : Rückschau: Tuschel (Performance)

Denise Dismer

König Leopold sieht aus wie ein Kapitän: Vollbart, gelb-blondes Haar, kräftige Statur und glänzende Uniform. Doch kontrolliert er nicht die Mannschaft eines Schiffes, sondern die Menschen eines Landes. Mehr noch: Der Kongo samt seiner Bewohner ist bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts sein Privateigentum, der Herrscher rühmt die "weltweite Einzigartigkeit seiner scheußlichen Verbrechen". Auf der Bühne kommt des Königs Zynismus und Größenwahn ("Gegen einen König gerichtet ist auch die Wahrheit Verleumdung!") in ihrer ganzen libidonösen Monströsität zum Ausdruck. Die Joseph Conrads Sklavenhändler-Roman nachempfundene Figur (Uwe Schmieder) sonnt sich in den rechtwinklig angeordneten Spiegelwänden ebenso wie in seiner Selbstverliebtheit. "Truth - commissioned by the heart of darkness" lautet der Titel der Inszenierung im Podewil, die Film, Ein-Mann-Stück, Dialog und für einen kurzen Moment sogar Klamauk ist (wieder: heute, am 6., 8.-10. März, jeweils um 20 Uhr). Er schlägt den Bogen vom Beginn des 20. Jahrhunderts zu dessen Ende, als in Südafrika die Wahrheits- und Versöhnungskommission ihre Arbeit aufnimmt. In dem Verhör geht es um das Verschwinden einer Leiche, um den Anschlag auf das ANC-Gebäude in London, den Verkauf von Landminen und um Mord. Parallel dazu erscheinen auf zwei Leinwänden die Namen der Menschen, die im Gewahrsam der Sicherheitspolizei starben. Richter und Angeklagter sitzen Rücken an Rücken: Der eine versucht, eine Bestätigung dessen zu erhalten, was er aus zahlreichen Protokollen sowieso schon weiß. Der andere scheint sich über die Ironie der Geschichte zu wundern: Wie kann er für Taten angeklagt werden, für die er als Berufssoldat einst höchste Auszeichnungen erhielt? Grandios die Schauspieler: Sie wechseln die Rollen, werden vom Kläger zum Täter und zeigen, dass König Leopold Recht behält: Wahrheit kann Verleumdung sein, Unrecht im Zweifelsfalle richtig.

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