Kultur : Rückwärts auf dem Hometrainer

Meister der Maske: Der Kunstverein Hannover zeigt eine Retrospektive Georg Herolds

Christina Tilmann

Er ist in Berlin derzeit so präsent wie schon lange nicht mehr. Bei DaimlerChrysler Contemporary im Weinhaus Huth am Potsdamer Platz sind, mit der Sammlung Spiekermann, einige wichtige Werke Georg Herolds, darunter der „Genetische Eingriff in die Erbmasse bei Fr. Herold 1945“ eingezogen. Auch die Sammlung Hoffmann in den SophieGips-Höfen zeigt einige schöne Kaviarbilder sowie eine große Holzschleife des Künstlers. Und ab Mai wird bei Max Hetzler in der Holzmarktstraße die Arbeit „X. Baracke“ von 1986 zu sehen sein.

Zeit also, sich über eine späte Renaissance Georg Herolds zu freuen. Schien es doch lange Zeit, als ob die Werke des Polke-Schülers verglichen mit denen seiner Kollegen Martin Kippenberger und Albert Oehlen weniger Popularität genössen. Lag das daran, dass Kippenberger und Oehlen sich mehr auf Malerei konzentriert haben und so vom derzeitigen neuen Boom der Malerei profitieren? Oder daran, dass Herold anders als Oehlen, der zuletzt mit großformatigen Spiegelbildern von Biennale zu Biennale eilte, seinem Kernwerk der 80er Jahre nicht mehr viel hinzuzufügen hatte?

Eine mit über hundert Exponaten großzügig ausgestattete Retrospektive, die nach Baden-Baden nun im Kunstverein Hannover gastiert, gibt nun Gelegenheit zu einem Wiedersehen mit dem großen Anarchisten und Post-Dadaisten unter den Künstlern der 80er Jahre. Erster Eindruck nach dem Rundgang durch die sieben Säle: er ist vorzüglich, d. h. überhaupt nicht gealtert. Unbotmäßig wie eh und je, nur leicht verblichen, die Unterhosen-Installationen, in denen sich das gute Stück zum „Brocken“ oder „Kahlen Asten“ wölbt, zum „Alpenglühen“ oder zur ägyptischen Pyramide. Edel vor sich hin welkend dagegen die Kaviarbilder, die, fein säuberlich durchnummeriert, eine „Beluga“-Welle malen oder Porträts von Zeitgenossen bilden. Auch der Kokainberg bleibt unbestiegen, und die Melancholie einer Damenstrumpfhose unangetastet. Die Dachlatten-Bilder „Deutschland in den Grenzen von 1937“, „Verwandlung von Dachlatten in Gold“ oder „Russische Schweiz“: nach der EU-Osterweiterung sieht man sie anders. Und die Erinnerungsinstallation „1. Mai 1985“ stapelt sich noch immer aus durchdatierten Hölzern auf zwei Holzblöcken, die Mai-Randale gehen weiter. Freilich: Könnte man die Einweggläser mit den parfümgetränkten Socken öffnen („Idiolatrine Module“, 1996), wäre der Duft vielleicht verflogen. Und auch die „Collected Water Levels“ von 1996 sind seitdem vielleicht etwas verdunstet. Der erste Eindruck jedoch ist: er ist kaum gealtert, der Meister des Kalauers in der Kunst.

Zweiter Blick, auf die aktuellen Werke, derer sich der Kunstverein Hannover besonders rühmt. Georg Herold hat den Mini-TV-Apparat entdeckt. Fein säuberlich in Glasvitrinen oder auf Wodka-Flaschen installiert, die Videorecorder gestapelt wie eine silberne Skulptur, flimmert einem auf unzähligen Bildschirmen immer nur einer entgegen: Georg Herold himself. Er marschiert, in Sechser-Formation, im Stechschritt über den Bildschirm und folgt sich dann selbst, fröhlich einen Schal schwingend („Full Wax“, 2003), er schneidet sich selbst Grimassen („It’s more the strategy than the attraction“, 2001), reitet rückwärts auf einem Hometrainer („Bolero“, 2003) und posiert als „Angehöriger einer fremden Kultur“ in vielerlei Gestalt, mit Schnäuzer, im Karohemd, das Haar gegelt oder vom Winde verwuschelt. Lust am Maskenspiel, an der Verwandlung, gepaart mit einer etwas unheilvollen Faszination für moderne Technik – die groben Dachlatten, Ziegelsteine, Einmachgläser kamen da „ehrlicher“, auch hintergründiger daher.

Also doch eine gewisse Ermüdung, ein Nachlassen der kreativen Kräfte? Dritter Blick, diesmal auf die Werke der Neunzigerjahre. Viel ist in den letzten Monaten gestritten worden über den künstlerischen Umgang mit zeitgeschichtlichen Phänomenen, speziell der RAF. Georg Herold hat Ulrike Meinhof, J. C. Raspe, Andreas Baader und Gudrun Ensslin porträtiert, in Kaviar, der langsam vergammelnd die Leinwand bräunlich färbt. In der Berliner RAF-Ausstellung ist keines seiner Werke zu sehen, Hannover widmet ihnen einen ganzen Saal. Die Wohlstandswelt, die Dekadenz, die Faszination, aber auch Vergänglichkeit der bundesdeutschen Terrorismusbewegung, hier wird sie offenbar. Herolds Werke hätten einen schönen Dialog mit seinen Düsseldorfer Kollegen Gerhard Richter und Hans-Peter Feldmann ergeben.

Kunstverein Hannover, bis 29. Mai, danach Museum Moderner Kunst in Klagenfurt. Katalog (Snoeck Verlag Köln) 40 €

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