Kultur : Rückwärts immer

Steffen Richter

über die deutsche Lust an der Erinnerung Uns ist der frohgemute Blick in die Zukunft abhanden gekommen. Statt wie zu Zeiten des Genossen Erich Honecker „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ zu skandieren, lautet die Parole unserer Tage „Rückwärts immer!“

Das liegt vor allem an Hitler und der DDR – vermutet der für seine kritisch-einfühlsamen Ostdeutschland-Reportagen bekannte „Zeit“-Autor Christoph Dieckmann in seinem neuen Buch (Links Verlag). Was aber hat es genau mit dem „Deutschen Erinnern“ auf sich? Dieckmann, ein Meister der Zwischentöne und notorischer Genau-Hingucker, liest heute in der Alten Kantine der Kulturbrauerei (20 Uhr).

Dass Dieckmann so Unrecht nicht haben kann, beweist der aktuelle Wirbel um Götz Aly s provokante Thesen zu „Hitlers Volksstaat“ (Fischer). Der Nationalsozialismus, meint der Historiker Aly, habe eine „Gefälligkeitsdiktatur“ errichtet, in der die Deutschen durch steuer- und sozialpolitische Vergünstigungen systematisch korrumpiert worden seien. Erkauft waren diese finanziellen Segnungen freilich durch den „Massenraubmord“ an den deportierten Juden und die Beutezüge in den besetzten Ländern. Ob der materielle Aspekt die unbedingte Hitler-Gefolgschaft hinreichend erklärt, das ist eine Frage, der sich Aly morgen (20 Uhr) im Geschichtsforum Jägerstraße (Jägerstr. 51, Remise des Stammhauses der Mendelssohn-Bank) stellen wird.

Dass in der DDR viele Bücher für die Schublade geschrieben wurden, ist bekannt. Die Schriftsteller Ines Geipel und Joachim Walther haben seit vier Jahren etwa 40000 Seiten unveröffentlichte – weil politisch und ästhetisch missliebige – Literatur von über 100 Autoren für ein „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“ gesammelt. Heute (20 Uhr) stellen sie im Brecht-Haus die ersten beiden Bände ihrer auf 20 Titel konzipierten „Verschwiegenen Bibliothek“ (edition Büchergilde) vor.

Dennoch sollten wir uns bei aller notwendigen Retrospektive den Blick aufs Gegenwärtige nicht vernebeln lassen. Schließlich steht gerade der große Literaturbetriebsausflug des Frühjahrs vor der Tür. Für den erstmals vergebenen „Preis der Leipziger Buchmesse“ ist auch der Roman „Der Eisvogel“ (Rowohlt Berlin) des letzten Bachmann-Preis-Gewinners Uwe Tellkamp nominiert. In diesem Buch intensiver Zeitgenossenschaft wird erzählt, wie ein philosophierender Bankierssohn in unserer maladen Gegenwart zum Terroristen werden kann. Und bevor Tellkamp zur Messe fährt, liest er, moderiert von Gregor Dotzauer, am 16.3. (20 Uhr) im Literaturhaus .

Während die Branche erwartungsvoll nach Leipzig schaut, liefert die Hauptstadt gute Nachrichten: Nachdem Britta Gansebohm das Podewil verlassen musste, hat sie mit dem BKA-Theater ein neues Domizil für ihren Literarischen Salon gefunden. Am 19.3. (20 Uhr) werden die neuen Räumlichkeiten am Mehringdamm 32-34 mit Lesungen von Linda Stift , Mascha Kurtz und Wolfgang Herrndorf eingeweiht. Anschließend: Party.

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