Kultur : Rückzug vom Rückzug

Die Debatte zwischen Falken und Tauben, plötzlich verstummt: Wie der Krieg die Stimmung in Israel verändert

Richard Chaim Schneider

Die Straßen sind wie leer gefegt. Es herrscht Kriegsstimmung in Israel, vor allem im Norden des Landes. Viele Bewohner der Grenzdörfer haben ihre Häuser verlassen, besonders Familien mit kleinen Kindern. Und es herrscht Krieg: Im Dorf Sarit, aus dem die zwei israelischen Soldaten entführt wurden, gab es am gesamten Wochenende Katjuscha-Angriffe, die die Israelis mit Artilleriefeuern beantworteten. Auch in der Stadt Nahariya, die 1934 von deutschen Juden gegründet wurde und 30 Kilometer von der Grenze entfernt liegt, gehen die Menschen nicht mehr aus. Am Sabbat war niemand auf der Straße, der Strand lag verlassen da. Nur ein paar Schaulustige sahen zu, wie einige Katjuschas ins Meer fielen.

In Haifa haben am Montagmittag die Sirenen wieder geheult. Raketen schlagen ein, das Geräusch der Detonationen begleitet den Alltag, die Menschen suchen Schutz. Dennoch gehen die Israelis recht gelassen mit der Kriegssituation um. Zumindest auf den ersten Blick. Man ist daran gewöhnt, und alle waren sich der Bedrohung von Seiten der Hisbollah bewusst. Seit dem Abzug aus dem Südlibanon vor sechs Jahren ist klar, dass die Hisbollah dort 10 000 bis 15 000 Raketen in Stellung gebracht hat. Aber man hat das im Alltag verdrängt.

Damit ist nun Schluss. Israel ist desillusioniert. Ähnlich wie bei der zweiten Intifada im Jahr 2000 haben die Angriffe den Zusammenbruch linker Positionen der friedfertigen Israelis zur Folge. Kaum jemand glaubt noch, dass es sinnvoll ist, mit irgendeinem Gegner Gespräche zu führen. Vor allem, was die Hisbollah betrifft, ist die Meinung in der Bevölkerung einhellig, dass die Armee mit aller Kraft Ordnung schaffen soll. Dabei wird betont, dass die Bombardements nicht den Libanesen gelten: Mit dem Land und seinen Regierungen gab es nie größere Konflikte.

Gaza ist umstrittener. Was dort geschieht, sagen viele, liegt nicht zuletzt an uns. Wir haben zu wenig mit den moderaten Kräften unter den Palästinensern kooperiert, sie zu wenig aufgebaut.

Die Kriegshandlungen bestärken die Rechten im Land, die sagen, es sei ein Fehler gewesen, sich aus Südlibanon und Gaza zurückzuziehen. Jetzt wird heftig diskutiert, dass ein Rückzug immer als Schwäche ausgelegt wird, eine Schwäche, die man sich nicht leisten kann. Die einzige Sprache, die die islamistischen Radikalen verstehen, ist die Sprache der Waffengewalt. Der Rückzugsplan, mit dem Ministerpräsident Olmert vor ein paar Monaten bei den Wahlen angetreten ist, hat sich erledigt. Zwar betonte er noch vor wenigen Tagen, dass er am einseitigen Rückzug aus der Westbank festhalten wolle. Jetzt ist klar: Dieser Plan hat keine Zustimmung mehr, er ist in der Gesellschaft nicht mehr durchzusetzen.

Verteidigungsminister und Arbeitspartei-Chef Amir Perez war zu den Wahlen ebenfalls mit einer friedlichen Haltung angetreten. Falls er Ministerpräsident würde, sagte er, werde er sofort Verhandlungen mit Mahmud Abbas aufnehmen, selbst wenn Raketen fliegen. Bei der Wahl spielten auch zivile Themen eine Rolle, Soziales, Innenpolitisches. All das ist jetzt vom Tisch, und Perez und Olmert verfolgen die gleiche Politik der harten Hand wie seinerzeit Scharon. Die Regierung ist insgesamt weiter nach rechts gerückt, aller Friedfertigkeit zum Trotz. Es gibt Stimmen, die sagen, man hätte nach der Entführung des Soldaten Gilat Shalit mit Hamas reden sollen. Andere befürchten, dass man damit zu weiteren Entführungen förmlich eingeladen hätte. Solche Debatten haben sich erledigt, denn das Dilemma ist offensichtlich: Israel befindet sich in einer loose-loose-Situation. Egal ob Israel mit Hamas oder Hisbollah redet oder nicht, es gibt Entführungen.

Die Bemühungen der internationalen Staatengemeinschaft, beide Seiten zur Mäßigung aufzurufen, werden in Israel als lächerlich empfunden. Wenn der G-8-Gipfel Entsprechendes erklärt, wenn der EU-Außenbeauftragte Javier Solana sich zu Wort meldet, sind das Äußerungen von Papiertigern. Hier lacht man nur darüber, in Israel genauso wie in den arabischen Ländern, dass die Europäer immer noch glauben, es sei mit dem Dialog getan, mit dem netten, freundlichen Gespräch. West-Europa hat kein militärisches Drohpotenzial, aber es könnte wenigstens mit Wirtschaftssanktionen drohen. Nicht einmal das geschieht, wegen der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, aber auch wegen einer gewissen „Verweichlichung“, wegen des Luxus und des Glücks von über 60 Jahren Frieden. Mehr als zwei Generationen von Westeuropäern haben keinerlei Erfahrung mit kriegerischen Situationen, damit, dass man einen Preis zahlen muss für das, woran man glaubt. Einen hohen Preis: das Leben der eigenen Söhne.

Was kann man überhaupt tun, um einer pragmatischen Lösung des nun wieder dramatisch zugespitzten Nahost-Konflikts näher zu kommen? Israel liegt daran, dass vor allem Europa endlich begreift, was hier los ist. Die Armee will Zeit. Der internationale Druck, so hofft Israel, soll nicht dazu führen, dass der Krieg zu schnell beendet wird. Denn wenn es nicht gelingt, die Hisbollah vernichtend zu zerschlagen, wird sie sich schnell wieder organisieren, mit noch mehr und noch schlimmeren Waffen. Und sie wird das nächste Mal noch brutaler zuschlagen.

Wenn im Nahost-Konflikt überhaupt noch etwas hilft, dann eine internationale Schutztruppe und massiver Druck auf die Hisbollah, Syrien und Iran. Nur dann könnten die Kämpfe aufhören und zwischen den verfeindeten Gruppen ein Schutzpuffer errichtet werden. Auf etwas anderes zu hoffen, wäre naiv.

Der Autor berichtet als Korrespondent für die ARD aus Israel.

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