Kultur : Rüschen muss Lolita tragen

Die Zukunft des Rock liegt in Japan. In Berlin ist die Visual-Kei-Mode schon angekommen

Annika Hennebach

Die Tür geht auf, und ein junges Mädchen, etwa 16 Jahre alt, stürmt herein. „Neo Tokyo“ heißt der Laden in Berlin-Mitte, er ist auf japanische Mangas, Anime und Musik spezialisiert. Aus den Boxen dröhnt J-Rock. Laut. „Hey Waru, Nana!“ begrüßt das Mädchen zwei andere, die Franziska oder Lena heißen könnten und auf der Heizung am Eingang in Magazinen blättern. Die Kunden des Neo Tokyo sind vorwiegend weiblich, doch von den Postern an den Wänden blicken ausschließlich Männer in düsterer Rockerkluft herab: Schmächtige Japaner, die aussehen wie Frauen. Mit langen, toupierten Haaren, aufwändigem Augen-Make-Up, Lippenstift. Männer, die nach europäischem Standard nichts Männliches an sich haben. Wie eine merkwürdige asiatische Mischung aus Ziggy Stardust, Marilyn Manson und dem kleinen Vampir sehen die androgynen Wesen der japanischen Bands aus, die wie ihre Anhänger auch Visual Kei genannt werden. Auf Deutsch bedeutet das in etwa „visuelle Gruppe“.

In seiner Heimat existiert das Genre bereits seit den achtziger Jahren. Damals begannen Bands wie X-Japan dem New Wave, Glam- und Hardrock von Kiss, Mötley Crue oder Siouxsie and the Banshees nachzueifern. Daraus entstand bald eine eigene Travestie-Kunst, deren Tradition bis ins Kabuki-Theater zurückreicht, in dem die Männer die Frauenparts übernehmen und dementsprechend geschminkt sind. Auch in den Manga-Comics gehört das Spiel mit den Geschlechterrollen zu den tragenden Elementen. In Japan ist Visual Kei längst ein Massenphänomen, Szene-Treffpunkte wie der Yoyogi-Park in Tokio sind Touristenattraktionen, und regelmäßig legen Massenaufläufe von verkleideten Jugendlichen ganze Straßenzüge lahm. Jetzt erreicht der Trend, bei dem die Mode wichtiger ist als die Musik, auch hier zu Lande immer mehr Fans. Asien ist dabei, für deutsche Jugendliche zum neuen Amerika zu werden – der Globalisierung sei Dank.

Yoshi (20), Saki (22) und Shiya (18) gehören zu den älteren Visual Keis in Berlin. Die drei jungen Frauen mit den japanischen Spitznamen sind mit Animes aufgewachsen. Über die Soundtracks zu den animierten Manga-Serien lernten sie japanische Rockbands kennen. Die femininen Musiker von Moi dix mois, Dir en Grey oder D’espairs Ray beten sie seither an wie andere Gleichaltrige Robbie Williams. „Wir sind eben anders als die Masse“, sagt Yoshi und klingt dabei ein bisschen stolz. Die Visus oder Visuals setzen mit ihrem Aussehen ein Statement: „Bloß kein grauer Einheitsbrei sein. Und auf jeden Fall provozieren“, so lautet das Credo von Saki. Ihr Gesicht ist gepierct, die blond gesträhnten Haare werden von bunten Sternchen und Klämmerchen geziert.

Die Creepers-Schuhe entstammen der düsteren Ästhetik der Gothic-Szene, dazu wird Gerüschtes und knallbunt Geringeltes kombiniert. Auch die Hosen oder Röcke der „Gothic Lolitas“ müssen schwarz sein. Anhänger, Buttons, Rüschen, Hello-Kitty-Accessoires runden das Outfit ab. Kleine Bilder ihrer japanischen Schwärme pinnen die Mädchen mit Stecknadeln an ihre Taschen. In der Schule waren die drei Berlinerinnen Außenseiter, weil sie glaubten, „anders als die anderen“ zu sein. Yoshi bezeichnet sich und ihre Freunde als „Club der Ausgestoßenen“. Visual Kei ist zum Lebensinhalt der Mädchen geworden. Sie reisen deutschlandweit zu Konzerten, kommunizieren mit anderen Fans im Internet, fühlen sich als Familie und lernen Japanisch. Bei Cos(tume)-Plays tauchen sie in selbst genähten oder aus Secondhand-Läden zusammengebastelten Kostümen auf, die sie wie ihre Idole aussehen lassen.

„Das muss am besten alles selbst gemacht sein, die ganze Liebe drin stecken“, erzählt Saki. Anregungen für ihr persönliches Design holen sie sich in der Zeitschrift „Gothic Lolita Bible“, in der auch die Visual-Kei-Superstars posieren. Neo Tokyo ist der erste Laden in Deutschland, der sich auf Artikel aus der japanischen Manga- und Musikkultur spezialisiert hat und auch einen Versand betreibt. Die Zentrale in München wurde schon 1996 gegründet, seit zweieinhalb Jahren existiert die immerhin 100 Quadratmeter große Berliner Dependance. Chef Werner Kolbeck trägt Sweatshirt und Army-Hose, das tägliche Stelldichein der Visual Keis in seinem Laden nimmt er gelassen. Er scheint so etwas wie der Papa der Szene zu sein, der auch mal eine Busreise zu einem Konzert in München organisiert. Kolbeck gehört auch zu den Gründern des J-Rock-Plattenlabels Gan-Shin.

Die Zeiten, in denen sich die deutsche Szene auf eine kleine, familiäre Insidergruppe beschränkte, sind vorbei. Der Trend zu J-Rock und Visual Kei wird massenkompatibel, seitdem auch Zeitschriften wie Bravo und Yam darüber berichten. In einer der letzten Ausgaben der Bravo erschien ein Poster der Band D’espairs Ray – auf der Rückseite von Tokio Hotel. Die Teenieband aus Magdeburg hat die Visual-Kei-Ästhetik erfolgreich adaptiert. Natürlich wittert die Szene den „Ausverkauf“, Tokio Hotel gelten bei eingefleischten Visus nicht nur wegen ihres Namens, sondern auch wegen des Aussehens von Sänger Bill Kaulitz als „Trittbrettfahrer“. Bald könnte es schon nicht mehr zu unterscheiden sein, ob die Fans von Europa inspirierte Asiaten toll finden oder von Asien inspirierte Europäer. „Tschüss, matane!“, ruft die Kundin ihren Freundinnen zu und schließt die Ladentür.

Neo Tokyo: Schönhauser Allee 188 (Mitte), Tel: 547 133 77 Mo bis Fr 11–19, Sa 11–16 Uhr. Beim Gan-Shin-Label erscheinen die neuen Alben von D’espairs Ray („Coll:set“, 13. 1.), Mucc („Houyoku“, 27. 1.) und Dir en grey („Vulgar“, 10. 2.).

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