Kultur : Rüschenrobenrausch

Auf dem toten Gleis: „Samson et Dalila“ unter der Regie von Patrick Kinmonth in der Deutschen Oper

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Dienst nach Vorschrift. Jose Cura als Samson und Vesselina Kasarova als Dalila. Foto: Eventpress Hönsch
Dienst nach Vorschrift. Jose Cura als Samson und Vesselina Kasarova als Dalila. Foto: Eventpress HönschFoto: Eventpress Hoensch

Da hat Kirsten Harms kurz vor dem Abgang ihrem Nachfolger aber noch ein besonders kapitales Kuckucksei ins Nest gelegt! Diese neue „Samson et Dalila“-Produktion kann der künftige Intendant der Deutschen Oper, Dietmar Schwarz, gleich auf die lange Liste der Inszenierungen setzen, die bei Amtsantritt sofort in den Altlastencontainer zu entsorgen sind. Einfach auf den Haufen werfen, wo schon die dilettantischen Machwerke jenes Alexander von Pfeil liegen, der mit Harms als „Chefregisseur“ in der Bismarckstraße an- und rasch wieder abgetreten war. Genauso als Fehlinvestitionen abschreiben wie die grässlichen Produktionen von Lorenzo Fioroni, Roland Schwab und wie die Protegés der scheidenden Intendantin noch alle hießen.

Dabei hatten sich zumindest die Frankophilen unter den Berliner Opernfans wirklich gefreut auf die Neuinszenierung von Camille Saint-Saëns bestem Bühnenwerk. Sicher, wenn man gut gebaute Stücke Pariser Unterhaltungskunst des 19. Jahrhunderts sehen will, muss man zu den Partituren von Saint-Saëns Konkurrenten Jules Massenet greifen – aber die großen Chorszenen in „Samson et Dalila“ sind schon meisterlich gearbeitet, das Liebesduett ein Meilenstein erotisierender Musik.

Zunächst geht am Sonntag bei der Premiere auch ein Seufzer der Erleichterung durchs Publikum, als sich der Vorhang hebt: Denn Regisseur Patrick Kinmonth hat sich im Gegensatz zu den allermeisten seiner Kollegen nicht davon verführen lassen, dass im Libretto der 1877 uraufgeführten Oper „Gaza“ als Ort der Handlung angegeben ist. Statt der üblichen tristen Camouflage-Uniformen sieht man in der Deutschen Oper nun Zylinder und Abendkleider im Geschmack der Belle Epoque. Hat da jemand die Kostüme einer uralten „Traviata“ aus dem Fundus stibitzt?

Kinmonth verzichtet vollständig auf die alttestamentarische Geschichte vom Juden Samson, den die schöne Dalila im Auftrag der Philister um seine Haarpracht bringt – und damit um seine übermenschliche Kraft. Gleise und Bahnsteige hat er aufbauen lassen, es geht um die Pariser Commune. Soldaten schießen in die demonstrierende Menge, Witwen versammeln sich zum Leichenschmaus. Später wird Samsons unehelicher Sohn seinen Erzeuger dabei erwischen, wie er Dalila vergewaltigt. Was den Filius nicht davon abhält, anschließend aus dem Salonwagen abzuhauen, in dem seine alleinerziehende Mutter lebt, um sich mit Samson auf der Vorderbühne gegenseitig die Gesichter weiß zu schminken.

Die Stimmung im Zuschauerraum ist gereizt nach der Pause, nicht wenige machen ihrem Ärger lautstark Luft. Die szenische Umsetzung ist aber auch zu dürftig, das handwerkliche Niveau dieser Inszenierung so armselig, dass jede Lust schwindet, sich in den Tiefen der Kinmonth’schen Hirngespinste hineinzubegeben. Altbackenes Sitz-, Steh- und Schreit-Theater ist da zu sehen, steif wird darstellerischer Dienst nach Vorschrift gemacht, keiner der Beteiligten wirkt vom Interpretationsansatz überzeugt.

Am wenigsten die Diva des Abends, Vesselina Kasarova. Akribisch hat sie sich musikalisch vorbereitet auf dieses Rollendebüt als Dalila, gestaltet jede Phrase, jede Linie sublim und elegant, mit vollendeter Stilsicherheit. Trotzdem glaubt man ihr kein Wort. Wie sie die Verführungsszene absolviert, regungslos auf dem Souffleurkasten sitzend, jeden Blickkontakt mit ihrem Partner vermeidend, das ist distanziert bis zur Frigidität. José Cura dagegen spielt – wie immer – nur sich selber, wirft sich mit aller heldentenoralen Wucht in seine Dauerparaderolle des Samson, seufzt, barmt, donnert, ohne jede Rücksicht auf frankophone Gesangstraditionen.

Dritter Protagonist der Oper sollte eigentlich der Chor sein – doch die von William Spaulding bestens präparierten Sänger spielen so lausig, dass zu viel von der vokalen Wirkung verpufft. Als besonders klangschön bleibt da allein der Auftritt bei geschlossenem Vorhang im dritten Akt in Erinnerung. Überhaupt zieht die Szene die gesamte musikalische Seite herunter: Alain Altinoglu, sonst stets ein versierter Anwalt des chronisch vernachlässigten französischen Repertoires, kann im ersten Akt keinerlei Spannung herstellen. Öde schleppt sich die Handlung dahin, mit zerdehnten Tempi, spannungslosem Orchesterspiel. Im zweiten Teil gelingt zwar manches besser, doch die Qualitäten der eklektischen Partitur, Saint-Saëns’ Vielseitigkeit, das raffinierte Parfum vieler Passagen vermag der Dirigent nicht zu erschließen.

Nachdem das berühmte „Bacchanal“ weitgehend bei geschlossenem Vorhang verklungen ist, beginnen die Choristen in der Finalszene plötzlich doch noch, sich ihrer Vatermörder-Krägen und Rüschgardinen-Roben zu entledigen. Sollte da etwa wenigstens eine kleine Orgie herausspringen? Doch schon rollen die Viehwaggons herein. Die halbnackten Philister drehen sich um, trotten gen Hinterbühne. Samson, der Jude, steht unbewegt an der Rampe.

Und auf der Leinwand, die schon den ganzen Abend lang über der Szene gehangen hatte, weiß und leer, passiert weiterhin: nichts. Jedem, der vorhatte, sich „Samson et Dalila“ anzusehen, kann man nach diesen gedanklichen Entgleisungen nur zurufen: Zurückbleiben!

Weitere Vorstellungen am 19., 21., 26., 29.5. und 2./5.6.

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