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FORUM Die indische Doku „John & Jane“

Silvia Hallensleben

Was der weltweite Wettbewerb mit deutschen Arbeitsplätzen anstellt, darüber ist hier jeden Tag in den Zeitungen zu lesen. Doch was macht die globale Vernetzung eigentlich mit den Menschen in den so genannten Billigländern, die im transnationalen Geschäft ihren Lebensunterhalt verdienen? Dabei sind hier nicht die gemeint, die für Hungerlöhne T-Shirts und Barbiepuppen zusammenflicken, sondern die globale Dienstleister-Mittelklasse: virtuelle Welten-Reisende, die ihre Tage in Indien verschlafen und nachts 8-teilige Pfannkuchensets in Idaho oder Illinois verkaufen.

„John & Jane“ fängt an in einer solchen indischen Nacht mit einer langen Autofahrt durch die Straßenschluchten einer Großstadt irgendwo auf der Welt. Die Leuchtschriften, die sich in den Schaufensterscheiben spiegeln, sind englisch. Auch die Büroprotzarchitektur des CallCenters gibt über das Wo keine Auskunft. Nur zu Hause kocht Muttern noch indisch. Doch die kapitalistische Dienstleistungsideologie kann auch sie perfekt erklären. Auch die Firma schickt ihre Angestellten nach der Arbeit zu Kursen, wo sie sich in den Vorzügen amerikanischer Lebensweise fortbilden. Eine Lebensweise, die die meisten der Call-Agenten wohl nie aus der Nähe kennen lernen werden, auch wenn die schwer blondierte Sidney wie eine Europäerin aussieht. Die meisten Namen sind auch englisch. Und die Träume feiern sowieso auf der anderen Seite des Ozeans anglo-asiatische Koexistenz. Glen etwa hat die Erfolgs-Botschaft des Kassetten-Kurses „The Magic of Believing“ so gründlich internalisiert, dass er sich ganz sicher ist, bald eine kalifornischen Traumvilla zu bewohnen.

Osmo und Nikki, Glen und Sidney arbeiten in einem der vielen Call-Center in Bombay für Telefonverkaufsfirmen oder die Better Business Hotline. Sechs Mitarbeiter eines Unternehmens stellt uns der Film des jungen indischen Regisseurs Ashim Ahluwalia vor. Gleich ist ihnen die virtuelle Zwischenwelt, in der sie leben.

„John & Jane“ verzichtet auf Wertungen, versucht stattdessen in sorgfältig komponierten 35-mm-Bildern diesen fragilen Realitätsstatus auch sinnlich erfahrbar zu machen. Verdichtet werden Interviews, Stadtansichten und beobachtende Passagen durch einen ausgefeilten Soundtrack mit diskreter elektronischer Musikunterstützung. Mit den im Dokumentarfilm üblichen folkloristischen Indienbildern hat „John & Jane“ auch sonst dankenswerterweise gar nichts zu tun. Eher schon könnte man ihn sehen als würdige dokumentarische Fortsetzung von George A. Romeros „Night of the Living Dead“.

Heute 22 Uhr Arsenal (dt. UT), 11.2. 21:45 (Cinestar 8, engl. UT), 12.2. 20 Uhr (Colosseum , dt. UT), 13.2. 10 Uhr (Cinemaxx 3, engl. UT)

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