Kultur : Rufen, Klagen

KLASSIK (2)

Isabel Herzfeld

Vital und lebensfroh ist die „Glagolithische Messe“ von Leos Janácek meist zu erleben: Ihre sinnliche Musik schleudert sie aus der Kirche mitten ins Leben hinein; sie ist eher die lebhafte Beschreibung einer Kirchenszene denn sakrale Liturgie. Michael Gielens intensives, in lapidarer Präzision manchmal sogar schroffes Dirigat im Konzerthaus am Gendarmenmarkt spürt in dieser Lebenskraft die schmerzlichen Untertöne auf und macht das Werk damit überraschend „passionstauglich“.

Das Berliner Sinfonie-Orchester feuert scharf geschnittene, fragmentarisch zerrissene Figuren wie Sprachfetzen in den Raum, prunkt mit glänzendem Blech und mächtigen Paukenwirbeln, saftigen Streichern und blühenden Holzbläsern. Der Rundfunkchor Berlin zieht alle Register seiner Klangfarbenkunst und Ausdruckskraft, unendlich berührend das ständig wiederholte „Veruju“ (Ich glaube), das mit differenzierter Dynamik immer neue Facetten eines Klagerufs erhält. Und auch das von Melanie Diener angeführte, wohl abgestimmte Solistenquartett wetteifert um Stimmpracht und dramatische Spannung.

Ursula Hesse von den Steinen konnte zuvor in Max Regers Ode „An die Hoffnung“ ihren klaren, stahlkräftigen Alt gebührend entfalten. Überhaupt schmeckte der erste Programmteil ein wenig nach Verlegenheitslösung, um „unterbeschäftigten“ Mitwirkenden der Messe ihren Auftritt zu verschaffen. So zeigte Joachim Dalitz mit drei österlichen Orgelszenen aus Olivier Messiaens „Livre du Saint Sacrement“ farbig abgestufte Cluster-Künste. Der Chor sang sich mit Schönbergs schwierigem „Friede auf Erden“ warm, dies allerdings in wunderbarer Intonationsreinheit und klug gliedernder Tempo- und Dynamik-Gestaltung äußerst überzeugend.

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