Kultur : Rufus Potter

Joachim Huber

Harry Potter 5 hat in der gebundenen Ausgabe 1021 Seiten. Lesevergnügen verbindet sich mit Lesearbeit. Und Harry zeigt sich auch nicht mehr als das staunende Wunderkind, er wandelt sich zum nachdenklichen Jugendlichen, voller Fragen, Unsicherheit, Aufbegehren. Mehr denn je ist er das Zentrum im Reich der Magier und der Muggels, deutlicher als zuvor steht er am Rand. Rufus Beck, der Harry Potter unter den deutschen Hörbuch-Schauspielern, nimmt das auf: Um Harry herum knirscht es, knödelt es, kreischt es, wird gequetscht und gequietscht und geschnauft, Beck kreiert und zelebriert ein Pandämonium der Stimmen und Gestalten, wo ansonsten seine so angenehme, ruhige Stimme die Handlung vorantreibt. Wieder nutzt Beck den Rufus-Trick und „übersetzt“, nur zum Exempel, Potters neue Lehrerin Dolores Jane Umbridge in eine Österreicherin, eine Wienerin, die formvollendet die schlimmsten Bosheiten ausspricht. Potter exklusive Harry ist ein Ein-Mann-Hörspiel, für das Beck die offensichtlich zahllosen Bänder seiner Stimme einsetzt. Alles liegt in diesen Stimmen, es gibt kein akustisches Supplement. Rowling hat das Libretto geschrieben, Beck hat die Töne. Das ist meisterlich, das garantiert den 27 CDs eine körperliche Lebendigkeit, der Roman wird schneller, schärfer, die Längen im Buch werden kürzer. „Kino für die Ohren", nennt Beck seinen Anspruch, der Hörer, der Zuhörer produziert seinen eigenen Film, seinen Hagrid, seine Dursleys. Und Potter, der Pubertist? Bei ihm verbünden sich die Kunst und die Klugheit von Rufus Beck. Ganz zurückgenommen kommt der Held auf den Hörer zu. Harry Potter hat ein Geheimnis, weil Rufus Beck ihm sein Geheimnis lässt.

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Orden des Phönix. Vollständige Lesung. Sprecher: Rufus Beck. Der Hörverlag, München. 27 CD oder 22 MC Gesamtlaufzeit ca. 1.945 Minuten, 99,95 Euro.

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