Kultur : Ruhe im Puff

St. Pauli ist seit Jahren Kult, jetzt soll es auch schick werden. Ein Investor errichtet Luxuswohnungen. Muss die Sünde weichen?

Helmut Schümann

Bei Paula – der Name ist garantiert falsch – brennt noch Licht. Paula ist 30, das könnte stimmen. Sie ist blond, wahrscheinlich von Natur aus. Man könnte sagen, Paula ist wohl proportioniert. Auch ist sie sehr nett und sehr freundlich. Es ist nicht einmal spät an diesem Mittwochabend, dennoch ist kaum noch einer auf der Straße. Aber eine halbe Stunde Zeit für einen fremden Mann?

Gott, ja, eine halbe Stunde mit einem fremden Mann, eine Stunde, mehrere Stunden, das ist ihr Job. Und ob sie Liebe gewährt oder Auskünfte, macht das einen Unterschied? Zumal sie das eine nicht gibt und das andere nur sehr ausgewählt. „100 Euro“, sagt Paula und lächelt hinter ihrer Fensterscheibe wieder sehr nett, „100 Euro müssten es schon sein.“ Vorkasse natürlich. Und dann: „Okay, komm rein.“

Etwas später um die Ecke bei Ilona von der Davidstraße. Ilona ist günstiger. 50 Euro die halbe Stunde, hatte sie gesagt. Und bleibt 45 Minuten. Ilona heißt nicht Ilona. Ilona arbeitet nicht selbstständig. Und wenn ihr Macker erführe, dass sie eine Viertelstunde umsonst zur Verfügung stand, nicht mal in ihrem Job, sondern um Fragen zu beantworten, er würde ihr ein, zwei reinsemmeln. Nicht ins Gesicht, nicht in die Visitenkarte, wo es das Geschäft stört, aber so, dass es weh tut. „Ich fürchte“, sagt Ilona, „man wird uns vertreiben.“ Sie, ihren Macker und ihre Kolleginnen vom Straßenstrich auf der Davidstraße in Hamburg, St. Pauli.

Paula hat in ihrem Zimmerchen in der Herbertstraße auch schon von den Gerüchten gehört. Die Stimmen, die immer lauter flüstern, dass sich der Kiez nachhaltig verändern wird, wenn erst all die gigantischen Bauvorhaben in St. Pauli auf dem Spielbudenplatz und auf dem alten Gelände der Bavaria-Brauerei fertig gestellt sind. Hotels entstehen, sündhaft teure Lofts, Penthouses, Bürotürme, Maisonettewohnungen, der Quadratmeter zu 13 Euro Kaltmiete. Die Kreativbranche hat sich schon eingemietet, Hamburgs Geldadel buhlt um die Liegenschaften, das gesamte Investitionsvolumen liegt bei 250 Millionen Euro. Alles gegenüber der Herbertstraße , der Puffader durch den Kiez. Im vergangenen Juli wurde eine Razzia in St. Pauli durchgeführt. 449 Polizisten durchsuchten 28 Wohnungen, neun Bordelle, eine 15-köpfige Zuhältergruppe wurde festgenommen. Indiz für den Beginn der Vertreibungsaktion? „Die Herbertstraße wird bleiben“, sagt Paula.

Wenn Paula und Ilona, die beiden Prostituierten, ihre Geschichten erzählen, weiß man nicht so recht, ob man es bedauern oder begrüßen soll, dass St. Pauli aufgehübscht und bürgerlich gemacht werden soll. Es sind die alten Geschichten vom Rotlicht in Hamburg am Hafen. Geschichten wie es sie seit 1900 gibt, seit sich Vergnügen und Laster hier ansiedelten. Geschichten, die Verklärung beinhalten, Lust, Lebenshunger, Elend und Leid.

Ilona erzählt ihre Geschichte so: Die Mutter Trinkerin, der Vater, unbekannt. Ilona wird Heimkind, ohne Bock auf Schule, aber mit viel Bock auf Klamotten. Mit 13 verkauft sie sich das erste Mal, dann immer mal wieder, dann immer öfter, dann immer selbstverständlicher. Jetzt, sagt Ilona, ist sie 20 Jahre alt – aber das muss noch nicht stimmen, Schulabschluss hat sie keinen, aber immer noch Bock auf Klamotten und Geld und Leben, oder das, was sie dafür hält. Irgendwann hat sie einen Mann außerhalb des Jobs kennen gelernt, das heißt, sie kannte ihn schon aus der Szene, und dann hat er sich einfach ihrer angenommen. Ihr Macker. Manchmal gingen sie schön aus oder führen an die See, sagt Ilona, oder nach Mallorca. Manchmal schauen sie auch Filme zusammen, auf Video, auf DVD, den „Tod in Venedig“ schaue sie am liebsten, und er am liebsten Filme von Woody Allan. Man hatte anderes erwartet.

Aber meistens steht Ilona hier gegenüber der Polizeiwache, Davidstraße, Ecke Reeperbahn, von abends um acht bis morgens um vier. Mit Unterbrechungen, in denen sie das Geld verdient. „Einer muss ja das Geld reinbringen“, sagt sie, „ja, und manchmal bekomme ich auch eine rein.“ Und dann? „Dann schlage ich zurück.“ Und dann? „Dann bekomme ich noch eine rein.“ Und dann? „Dann geht das Leben weiter.“ Kann natürlich sein, dass Ilona ihr Leben nachträglich ein wenig geschwärzt hat. Kann aber auch nicht sein.

Kann auch sein, dass Paulas Geschichte nur klar und fest klingt. Paula hat die Stiege raufgebeten, im Zimmer rot blinkende Lämpchen, auf dem Bett ein Zebrafell, zumindest ein Imitat, auf dem sitzt Paula nun in weißer Unterwäsche und weißen Schaftlederstiefeln, die Haare hat sie zu Zöpfen geflochten, so ähnlich wie es Julia Timoschenko in der Ukraine immer tut, die kürzlich gestürzte Premierministerin. Unterwäsche ist Arbeitskleidung, Unterwäsche tragen hier alle in der Herbertstraße, die 92 Meter lang ist, kopfsteingepflastert, am Anfang und Ende mit Sichtblenden versehen, Frauen und Jugendliche unter 18 Jahren haben keinen Eintritt.

„Die Geschäfte laufen okay“, sagt Paula, „vor Einführung des Euro liefen sie besser“, die allgemeine Wirtschaftslage tue ein übriges. Aber dass kürzlich drei Häuser der Herbertstraße zur Versteigerung anstanden, 26 Zimmer und 18 Frauen zur Übernahme, „ das ist kein Indiz, dass Prostitution vor der Insolvenz steht. Warum auch immer die Betreiber Pleite gegangen sind, an mangelnden Einnahmen kann es nicht liegen.“

Wer hier in der Herbertstraße sein Haus vermietet, der kann immer noch mit Mieteinnahmen von 20 000 bis 25 000 Euro im Monat rechnen, das haben die Autoren des umfassenden Stadtteilführers „st. pauli life“ recherchiert. Unter anderem beim Hamburger Tierschutzverein, dem einst zwei Häuser vererbt wurden, und der die Einnahmen bis vor wenigen Monaten für ausgesetzte Katzen und Königspudel verwandte. 500 000 Euro ist so eine kleine Immobilie in der Herbertstraße wert. Wie hoch Paulas Anteil an den Mieten ist? „Drei bis fünf Tage die Woche arbeite ich, pro Tag zwischen drei und fünf Stunden, für eine Stunde nehme ich zwischen 250 und 300 Euro, aber über die Mietabgaben, darüber spricht man nicht.“

Paula ist auf Rügen aufgewachsen, war Arzthelferin und notorisch klamm. Vor sieben Jahren traf sie eine alte Freundin wieder, die schaffte in der Herbertstraße an und schlug ihr vor, sich auch einmal zu testen. Es war in erster Linie das Geld und in zweiter der Kitzel des Kiezes, sagt Paula. „Seitdem bin ich hier, und mir geht es gut.“ Paula sagt, sie sei selbstständig, nicht liiert und habe einen kleinen Freundeskreis, der nichts mit dem Milieu zu tun habe, aber von ihrem Job wisse und sich nicht darum schere. Spätestens mit 40 soll Schluss sein, mit welker Haut wolle sie sich nicht lächerlich machen. Hat man dann ausgesorgt? „Dann hat man ausgesorgt.“ Kann natürlich sein, dass Paula ihre Lebensumstände schönt. Kann aber auch nicht sein. Der Blick auf die Uhr beendet die halbe Stunde. Zwei Minuten gibt es gratis. Kann es sein, dass Paula hier einen Mann findet, der sie auch privat interessiert? „Hier? Ein Mann, der hierher kommt, ist kein Mann für mich. Ich suche hier meinen Lebensunterhalt, aber nicht die Liebe.“

Klingt das nicht schon nach der neuen Sachlichkeit, die offensichtlich erwünscht ist und angestrebt auf St. Pauli? Prostitution als Dienstleistungsgewerbe, in ruchfreier, angenehmer Umgebung? Noch ist St. Pauli ein armes Viertel, obwohl alljährlich 25 Millionen Besucher ihr Geld hier lassen. Aber nach wie vor leben hier doppelt so viele Sozialhilfeempfänger wie im Rest der Stadt. Und nach wie vor werden hier drei Mal so viele Straftaten verübt.

Kriminalität war immer schon ein Thema auf St. Pauli. Einen gänzlich unbeschwerten Reeperbahnbummel bei lauschiger Nacht konnte wohl nur Hans Albers im Liedgut verleben. Die Schummrigkeit war allgegenwärtig, die Gefahr, mindestens übers Ohr gehauen zu werden, auch. Bei Protest kam das Risiko hinzu, aufs Ohr gehauen zu bekommen. In den 80er Jahren eskalierte die Gewalt zu einem brutalen Krieg der diversen Zuhälterbanden, an dessen Ende der Serienkiller Mucki Pinzner in Haft genommen wurde und dort den Staatsanwalt, seine Verteidigerin und Geliebte, sowie sich selbst erschoss. Heute erzählt Stefan Hentschel, eine frühere Kiezgröße, ein früherer Zuhälter, im Fernsehen von der bewegten Zeit, oder der ehemaligen Spiegel-Reporterin Ariane Barth fürs Buch „Im Rotlicht.“ Ein Überlebender, ein Geläuterter. Und zwischen den Zeilen ist der Glanz in den Augen zu lesen, dass er dabei sein durfte, Teil war, und dann denkt man, dass die Erinnerung verklärt ist wie bei Buffalo Bill im Wilden Westen. Man kann Hentschel mitunter in der Früh an den Landungsbrücken beim Morgenbier beobachten, wie er mit dem ihm nach einem Kampf verbliebenen linken Auge auf die Elbe und den Hafen hinausschaut.

Anfang der 90er Jahre holte sich das bürgerliche und junge Hamburg einen Teil des Reviers zurück, angefangen mit der Paloma-Bar, die der Maler Jörg Immendorff kaufte, wandelte Schmuddelkneipen in Szenetreffs um, ein gedeihliches Nebeneinander von Rotlicht und Spotlight entspann sich. St. Pauli war wieder in, nicht nur für die Fans des FC St. Pauli, nicht nur für die einstigen Besetzer der Häuser an der Hafenstraße, auch die betuchteren Menschen aus Eppendorf und Winterhude kamen her, sogar die Gestopften aus Othmarschen und Blankenese fanden ins „Docks“, zu „Molly Malone“, ins „Absolut“, saugten Kabarett bei „Schmidt“ ein und hingen danach ab bei „Lehmitz“ zwischen Rockern der Hells Angels und zahnlosen Abgefrackten.

Wie es aussieht, soll damit bald Schluss sein. Wie es aussieht, soll das rote Licht bald ausgeschaltet werden, oder zumindest runtergedimmt, bis es nur noch als folkloristische Beigabe St. Paulis glimmt. „Wir haben immer versucht, St. Pauli als Stadtteil der Möglichkeiten darzustellen“, sagt Kurt Reinken, Projektleiter der Hamburger Stadtentwicklungsgesellschaft, „wir brauchen Leute mit Kaufkraft, wollen aber natürlich die angestammten Bewohner nicht verdrängen.“

Aber geht das? Geht St. Pauli ohne St. Pauli? Die selbstbewusste Paula sagt, „nein, das Milieu wird sich nicht verdrängen lassen.“ Die angeknackste Ilona fürchtet, demnächst in gefährlicheren Ecken Brot und Champagner und Rolex für den Macker verdienen zu müssen.

Derweil zeigt das Milieu vermehrt seine hässliche Seite. Zwischen Mai 2004 und April 2005 wurden 757 Delikte allein auf der Reeperbahn gezählt. Gegen die Kriminalität sollen ab dem nächsten Jahr zwölf Überwachungskameras installiert werden. Nun werden sich die Täter nicht von Kameras abschrecken lassen, sondern umziehen in die Seitenstraßen.

Willi Bartels ist frühmorgens gegen elf Uhr in der Bierstube des Hotels „Hafen Hamburg“ zu treffen. Er sitzt da jeden Morgen, bespricht mit Enkeln und Mitarbeitern die Tagesarbeit, raucht Zigarre, trinkt Bier, hält Hof. Willi Bartels ist 91 und immer noch der König von St. Pauli, auch wenn ihm nicht mehr das Eros-Center gehört, sondern „nur noch“, wie er sagt, 41 Gaststätten, alle verpachtet, und etwas mehr als 400 Wohnungen, alle vermietet. Für das Bauprojekt auf dem Gelände der ehemaligen Bavaria-Brauerei zeichnen er und seine Nachkommen im Wesentlichen verantwortlich.

Die Bierstube verströmt, was sich der Tourist unter Hamburger Gemütlichkeit vorstellt, Galions-Jungfrauen, Schiffs-Utensilen, viel Holz. Im Moment klagt Bartels über einen Blitzeinschlag vom Vortag in seinem Haus, die gesamte Alarmanlage sei ausgefallen. Auf der Habenseite ist zu verbuchen, dass ein Sohn, oder ist es ein Enkel, auf Mallorca wohnt und immer wieder Davidoffs und Arzneimittel zollfrei besorgen kann.

„Ich kneif ja bald den Arsch zu“, sagt er, „aber durchs neue Hotel möchte ich noch laufen.“ Die Enkel, die inzwischen das Geschäft machen, haben sich schon nach Spanien zur Formel 1 aufgemacht, „ihr wollt ja nur Boxen-Luder gucken“, hatte der Opa ihnen nachgerufen. „Ja, und dann“, sagt Bartels, „werden die Häuser an der Davidstraße gründlich saniert, die gehören alle mir.“ Und die derzeit noch geduldeten, aber illegalen Bordellbetriebe an der Hopfenstraße gleich gegenüber der Herbertstraße? Auf die werden die künftigen vornehmen Bewohner nicht schauen wollen. „Die werden dann auch nicht mehr da sein“, sagt Bartels. Aber dann bleibt St. Pauli nicht mehr St. Pauli. „Die Sünde muss bleiben, die Sünde gehört zu St. Pauli. Aber wir wollen sie sauber.“ Gut möglich, dass dabei das gesamte Flair mit weggewischt wird.

In der Ritze, der berühmten Boxerkneipe, in die man durch aufgemalte gespreizte Frauenschenkel gelangt, herrscht große Aufregung. Eine von fünf handgezeichneten Karikaturen, die Udo Lindenberg dem Wirt Hanne Kleine geschenkt hat, ist am Vorabend geklaut worden. Hanne Klein weiß noch nichts davon. „Der rastet aus“, sagt einer von der Nachtschicht. Dann wird der Sparverein notiert, buchhändlerisch und kontrolliert von der Barfrau werden die Einzahlungen in eine Kladde eingetragen, „schau an, Willi hat mal wieder 50 reingetan“, sagt der Kassierer. „Aber 30 anschreiben lassen“, sagt die Barfrau. Das Telefon klingelt, und eine Tanja ist am anderen Ende. Tanja möchte im Café Lausen tanzen, auch dies ein Puff auf der Reeperbahn. Einer der Betreiber ist in der Ritze. „Soll vorbeikommen“, sagt er. Der Kassierer übermittelt. „Tanja geht aber nicht mit auf die Zimmer“, sagt er. „Soll sie nicht“, sagt der Betreiber, „sie soll nur tanzen, aber richtig unanständig.“

Im Anker, einer Kneipe gleich neben der Herbertstraße, spielen Gabi, die Frau hinter dem Tresen, Günter und Horst Skat. Walli, eine Holländerin, geschätzt Ende 60 und etwas verwirrt, geht immer mal wieder zur Juke-Box und legt Platten auf: Hans Albers, La Paloma, ohee, Heino, Wir lagen vor Madagaskar. Walli hat sich beim Chinesen etwas zu essen gekauft, kann aber nicht essen, weil sie mit jemandem reden muss, den nur Walli sieht. „Wir werden bleiben“, sagt Gabi, „die Mädels vom Strich wird’s stören, wenn die da drüben bauen. Wir hier im Anker werden bleiben.“ Dann schaut sie zu Walli. „Walli, iss endlich“, sagt sie. Walli sagt: „Ich esse, wann ich will.“ Und brabbelt wieder auf ihr Gegenüber ein, das schon seit Jahren nicht mehr da ist. Gabi geht auch schon gen 60. Sie schenkt noch ein paar Flaschen Bier aus und setzt sich zu Walli. „Komm, Walli, jetzt essen wir“, sagt sie, „ich helf’ dir.“

Gegenüber auf der Baustelle kreischen die Kräne, rattern die Bohrer, wummert dass neue „Herz von St. Pauli“, wie die Bauherren auf ihre Tafeln geschrieben haben. Man wird sehen, ob das neue Herz mehr Kraft hat als die gebrochenen Menschen von St. Pauli.

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