Kultur : Ruhe vor dem Sturm

CHRISTOPH FUNKE

Bedingungslose Konsequenz steckt in allen Arbeiten des Regisseurs Fritz Marquardt.Zwingend, unausweichlich hat er auch Ibsens selten gespieltes Stück "Klein Eyolf" 1995 am Berliner Ensemble inszeniert - und im Titel das verniedlichende "Klein" gestrichen.In der Familiengeschichte des Großgrundbesitzers Allmers, so will Marquardt zeigen, steckt ein Totentanz, wirft eine Endzeit ihre düsteren Schatten.Menschen werden in den Abgrund gerissen, durch eine scheiternde Ehe, eine verhängnisvolle Geschwisterliebe, ein im Meer ertrinkendes, von Geburt an schon verkrüppeltes Kind.Es gibt den Ausweg nicht, die Utopien versagen, die Träume werden zu Schrecknissen.Wenn heute abend die 50.Spielzeit des Berliner Ensembles mit der Wiederaufnahme dieser Ibsen-Inszenierung (in den Hauptrollen Martin Wuttke und Corinna Harfouch) eröffnet wird, kommt eine unnachsichtig klare, aus der Ruhe zu flammender Heftigkeit sich steigernde Aufführung auf die Bühne, die das Ende zweier Jahrhunderte (Ibsens Stück entstand 1894) verknüpft - mit wenig Hoffnung für den Menschen.

Fritz Marquardt, in diesem Sommer 7O geworden, hat in vielen Berufen gearbeitet - als Landarbeiter, Neubauer, Bauarbeiter.Er studierte Philosophie und Ästhetik an der Humboldt-Universität in Berlin und ist seit Anfang der sechziger Jahre Dramaturg, Regisseur, Schauspieler (besonders im Film), aber auch Autor, Maler, Zeichner.Ein Eigenartiger, der immer zum Grund der Dinge vorstoßen will.Ein Menschenkenner, mit bissigem, skurrilem Humor.Kurz: ein Schwieriger.Schwierig, weil er bei seinen Inszenierungen das Gewöhnliche fremd macht, von den Schauspielern geistig bewältigte gestische Präzision und zugleich expressive Körperlichkeit fordert.Die präzis analysierte Wandlung von heiter behaupteter Ruhe, von fast möglicher Harmonie in heftig gesteigerte Leidenschaften macht viele seiner Inszenierungen zu einem Abenteuer.Es beginnt dabei oft mit Helligkeit, mit Freundlichkeit, mit einer Hoffnung, aber dann bricht sich unaufhaltsam das Satirische, Groteske, Tragische Bahn.Ist Marquardt ein Pessimist? "Man muß nicht jedesmal eine schlaue Erklärung haben", hat er einmal auf solche Frage geantwortet.Und das Erklären, das Repräsentieren, das eitle Kämpfen für sich selber liebt er ohnehin nicht.Wenn Kultur Betrieb wird, wendet er sich ab, im einstigen Fünfer-Direktorium des Berliner Ensembles hat er sich nie wohlgefühlt.

Aber den Außenseitern stand er zur Seite.Von russischen Autoren inszenierte er die Unbequemen, nicht Durchgesetzten, Eigensinnigen.Ernst Barlach lag und liegt ihm nahe, für den viel zu früh verstorbenen Georg Seidel hat er sich eingesetzt, besonders für sein DDR-Endzeitstück "Villa Jugend".Und für Heiner Müller.Dazu mußte man tapfer und kompromißlos, aber auch listig sein.Marquardts List war ein eisenharter, mürrisch uneinsichtiger Trotz, gegen den die SED-Kulturpolitiker das Gegenmittel nicht fanden."Die Weiberkomödie", "Die Bauern" und "Der Bau" brachte er an der Berliner Volksbühne heraus, im Januar 1989 dann endlich, nach jahrelangen ermüdenden Kämpfen, die erste DDR-Aufführung von "Germania Tod in Berlin" (Uraufführung 1978 in München) am Berliner Ensemble.

Heiner Müller schrieb über Marquardt: "Er konfrontiert die Texte mit seiner Biographie.Ein Maßstab für den Rang eines Künstlers ist, was er nicht macht: Marquardt verweigert sich der Mode." Damit auch dem schnellen Erfolg und jeder Art von Ungeduld.Marquardt muß, der Freund Heiner Müller wußte es, zunächst mit sich selber abmachen, was er auf die Bühne bringt, welche Zeit es auch kosten mag.Mit "Eyolf" kehrt der Siebzigjährige mit einer seiner wesentlichen Inszenierungen auf die Bühne zurück.Sie macht deutlich: Die Umbruchkonflikte unseres politischen Zeitalters, wie sie auch in einer Familiengeschichte verborgen sein können, sind Marquardts Thema.Da gibt es noch viel Arbeit.

Eröffnung der 50.Spielzeit des Berliner Ensembles mit "Eyolf" heute, 20 Uhr, weitere Aufführungen am 6.und 12.September.

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