Kultur : Ruhelos

Kortners Tochter: zum Tod von Marianne Brün.

Klaus Völker

Weihnachten hatte sie noch „alle, die ich Familie nenne,“ in ihrem Häuschen in Urbana, Illinois, zu Besuch. Am 6. Januar ist Marianne Brün im Alter von 84 Jahren gestorben. 1929 in Berlin als Tochter des Schauspielerpaars Johanna Hofer und Fritz Kortner geboren, emigrierte sie mit den Eltern 1933 nach England und lebte von 1939 an in Santa Monica, später in New York. Ende 1947 besuchte sie in Zürich die Schauspielschule, hospitierte bei Berthold Viertel am Zürcher Schauspielhaus und am Berliner Ensemble. 1951 folgte sie den Eltern nach München, wurde Bildmischerin beim Bayerischen Rundfunk. Eine kurze Ehe führte sie mit dem Schauspieler Wolfried Lier, heiratete dann den aus palästinensischem Exil nach Frankreich und 1955 nach Deutschland zurückgekehrten Komponisten Herbert Brün, einen Vertreter der seriellen Musik.

Als er 1965 einen Lehrstuhl für elektronische Musik an der University of Illinois erhielt, zogen sie mit ihren Söhnen Michael und Stefan in die USA um. 1968 wurde sie Mitglied der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, demonstrierte gegen den Vietnamkrieg. Sie beriet Wehrdienstverweigerer und gab an der University of Illinois Kurse in „Social Change“. Zeitweise lebte sie wieder in Deutschland, nach der Wende hatte sie eine kleine Wohnung in Berlin. Die Nachlässe ihrer Eltern und ihres 2000 verstorbenen Mannes übergab sie der Akademie der Künste. Bei wichtigen Konzerten, etwa der Reihe „Musica reanimata“, dem musikalischen Salon der Siemens-Stiftung, den Gesprächskonzerten mit Walter Levin und Stefan Litwin im Wissenschaftskolleg war sie ein geschätzter Gast. Sie ging auch gerne ins Theater, schätzte vor allem die Inszenierungen von Peter Stein, Ruth Berghaus, Andrea Breth, Peter Zadek und Johanna Schall, gehörte auch dem Fördererverein der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch an. Höchstes Vergnügen empfand sie bei Marthalers „Murx den Europäer“ und „Kasimir und Karoline“ sowie „Piraten“-Stücken wie „Brut“ von Matthias Zschokke. Klaus Völker

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